
Kalenderblatt vom 18. Mai
“Verwirrung im Notausgang”
“Confusion in the emergency exit”
“Confusión en la puerta de socorro”
Quarzsand, Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
„Verwirrung im Notausgang“ ist ein innerer Alarmzustand. Eine Verdichtung aus Orientierungslosigkeit, Enge und dem verzweifelten Wunsch, irgendwo einen Ausgang zu finden, bevor das eigene Denken kollabiert. Die tiefen Blautöne wirken dabei nicht beruhigend, sondern wie ein emotionaler Sog, wie ein Raum ohne Fenster, in dem Erinnerung, Angst und Hoffnung gleichzeitig gegen die Wände drücken. Die Oberfläche aus Quarzsand, Acryl und Acrylpaste erzeugt eine beinahe geologische Struktur, als hätte sich hier ein psychischer Ausnahmezustand Schicht für Schicht sedimentiert. Das Bild ist nicht glatt. Es widersetzt sich. Es kratzt am Blick des Betrachters und zwingt ihn, länger zu bleiben, als ihm vielleicht lieb ist.
Im Zentrum taucht schemenhaft eine Figur auf, nicht vollständig sichtbar, eher wie ein fragmentiertes Selbstbild. Sie scheint gleichzeitig anwesend und ausgelöscht zu sein. Genau darin liegt die Kraft dieser Arbeit: Der Mensch erscheint hier nicht als souveränes Wesen, sondern als Suchender im eigenen Labyrinth. Die weißen linearen Spuren erinnern an hektische Bewegungen, an Notizen, an Fluchtwege oder neuronale Entladungen. Sie wirken wie Spuren eines Denkens, das sich überschlägt. Nichts ist geordnet. Alles steht unter Spannung.
Besonders eindringlich ist das kleine rote Dreieck im unteren Bereich. Es wirkt wie ein Warnsignal, ein technisches Symbol oder ein fragmentierter Pfeil. Vielleicht verweist es auf den titelgebenden Notausgang, doch paradoxerweise führt es nicht hinaus, sondern tiefer hinein. Der Notausgang wird hier zur Metapher unserer Zeit: Wir suchen ständig schnelle Lösungen, klare Richtungen, sofortige Erlösung von Überforderung, Informationsflut und innerem Druck. Doch je hektischer die Suche wird, desto größer wird die Verwirrung. Das Bild stellt damit eine unbequeme Frage: Was geschieht, wenn selbst der Ausgang nicht mehr eindeutig erkennbar ist?
Die Materialität verstärkt diese Aussage radikal. Der Quarzsand erzeugt eine raue, fast verletzte Oberfläche, die an Beton, Mauerwerk oder verbrannte Erinnerungsschichten denken lässt. Gleichzeitig entstehen darin topografische Strukturen, als würde man auf eine innere Landkarte blicken, auf ein Gelände aus Angstzonen, Sackgassen und plötzlich auftauchenden Hoffnungsfragmenten. Die kleine goldene Form im unteren Bereich wirkt dabei wie ein verborgenes Relikt: ein letzter Rest Orientierung, ein kaum sichtbarer Wert, der im Chaos überlebt hat. Vielleicht liegt genau dort die stille Botschaft des Bildes: Selbst im Zustand größter Verwirrung existiert noch ein Funken Bewusstsein, der den Weg zurück ins Licht kennt.
„Verwirrung im Notausgang“ ist damit weit mehr als ein abstraktes Werk. Es ist ein psychologischer Resonanzraum. Ein Bild über Überforderung, moderne Existenz und die fragile Grenze zwischen Kontrolle und Auflösung. Gleichzeitig besitzt es eine enorme physische Präsenz. Die dichte Struktur, die dunkle Farbdramaturgie und die abrupten Zeichenfragmente erzeugen eine Spannung, die lange nachwirkt. Dieses Werk will nicht dekorieren, es will konfrontieren. Und genau dadurch entfaltet es seine eindringliche Wahrheit.