
Das Kalenderblatt zum 15. Juli
„Vor der Erfindung des Himmels“
„Before the Invention of the Sky“
„Antes de la invención del cielo“
Wachsmalkreiden und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
Bevor der Himmel seinen Namen erhielt, existierten weder oben noch unten. Die Farben irrten frei durch einen grenzenlosen Raum, suchten einander, stießen zusammen und trennten sich wieder. Gelb war kein Licht, Rot kein Feuer und Schwarz keine Nacht. Alles war zugleich Anfang und Möglichkeit. Die Welt hatte noch nicht beschlossen, welche Gestalt sie annehmen wollte.
In diesem ungeordneten Reich begegneten sich Wesen, die niemals geboren worden waren. Sie bestanden nicht aus Fleisch, sondern aus Bewegung. Ihre Körper zerfielen bei jeder Berührung in neue Formen und setzten sich im nächsten Augenblick wieder zusammen. Aus ihren Armen wurden Flügel, aus ihren Flügeln Wurzeln, aus ihren Wurzeln Gesichter. Niemand erschrak darüber. Verwandlung war damals das einzige Gesetz.
Mitten zwischen den glühenden Gestalten erhob sich eine weiß leuchtende Erscheinung, still und schwerelos. Sie sprach kein Wort, doch überall, wo sie vorüberzog, begannen die Farben, sich gegenseitig zu erkennen. Das Rot begriff seine Wärme. Das Gelb entdeckte seine Strahlkraft. Das Dunkel verstand, dass es nicht das Ende des Lichts war, sondern dessen verborgenes Gedächtnis.
Die gelben Wesen tanzten nicht, um gesehen zu werden. Sie tanzten, damit die Welt überhaupt entstehen konnte. Mit jeder ihrer Bewegungen entstanden neue Linien, neue Räume und neue Möglichkeiten. Was eben noch Chaos gewesen war, wurde für einen flüchtigen Augenblick zu einer Ordnung, die im nächsten Atemzug wieder zerfiel. Denn Schöpfung ist kein abgeschlossener Akt, sondern ein fortwährendes Werden.
Erst als sich alle Farben für einen winzigen Augenblick berührten, öffnete sich über ihnen ein unbeschriebener Raum. Niemand hatte ihn geplant. Niemand hatte ihn erschaffen. Er war die Folge ihrer gemeinsamen Bewegung. Aus diesem Raum wurde später der Himmel. Doch in jenem ersten Augenblick war er nichts weiter als die stille Erinnerung daran, dass jede Grenze einmal grenzenlos gewesen ist.
Vielleicht erzählt dieses Bild genau von diesem Moment. Von der Zeit vor der Erfindung des Himmels, als die Wirklichkeit noch nicht in Landschaften, Körper oder Sterne zerlegt war. Als jede Farbe noch alle anderen Farben in sich trug und jede Form unendlich viele Möglichkeiten besaß. Der Himmel war damals keine Decke über der Welt. Er war eine Idee, die erst entstehen musste. Und vielleicht erinnert uns dieses Bild daran, dass auch wir die Fähigkeit besitzen, unsere eigene Welt immer wieder neu zu erfinden, lange bevor sie einen Namen erhält.