
Kalenderblatt vom 13. Juli
„Der Traum zerstäubt im Licht des Morgens“
„The dream is atomizing in the light of the morning“
„El sueño esta atomizando en la luz de la mañana“
Aquarell und Acrylpaste auf Bambuspapier ca. 21 x 15 cm
„Der Traum zerstäubt im Licht des Morgens“ ist kein Bild über das Erwachen. Es ist ein Bild über den Augenblick, in dem die Nacht begreift, dass sie ihre Macht verloren hat. Würde ich, in der Haltung Pablo Picassos, davon erzählen, dann nicht als Landschaft oder als Traumprotokoll, sondern als Begegnung zwischen Formen, die sich weigern, endgültig zu werden. Denn die Wirklichkeit liebt gerade Linien, während die Wahrheit lieber zerbrochen erscheint. Menschen haben eine seltsame Vorliebe dafür, alles eindeutig benennen zu wollen. Die Farben lachen darüber.
In der letzten Stunde vor dem Morgen wanderte ein Wesen durch eine Welt, die keine festen Konturen besaß. Sein Gesicht bestand aus Licht, seine Hände aus Schatten, und seine Gedanken waren nichts als verstreute Fragmente eines Traumes, der nie jemandem gehört hatte. Mit jedem Schritt verlor es eine Gestalt und gewann eine andere. Es war zugleich Vogel, Mensch, Feuer und Wind. Nur wer sich verwandeln kann, bleibt lebendig.
Über ihm schwebten schwarze Zeichen, keine Schrift und doch voller Bedeutung. Sie waren die Knochen vergessener Ideen, die niemand mehr lesen konnte. Sie urteilten nicht. Sie beobachteten lediglich, wie das Wesen seinen eigenen Körper immer wieder neu zusammensetzte. Alles, was zerbricht, beginnt heimlich eine neue Ordnung zu suchen.
Dann geschah etwas, das kein Traum verhindern konnte. Das erste Licht fiel über den Horizont. Es kam nicht wie ein Sieger, sondern wie ein Maler, der mit einem einzigen Pinselstrich alle Farben verändert. Das kräftige Rot begann sich in ein glühendes Gelb aufzulösen. Nicht weil es schwächer wurde, sondern weil jede Farbe ihre Wahrheit erst im Übergang offenbart.
Das Wesen erschrak nicht. Es wusste, dass jeder Traum einen Preis verlangt. Solange die Dunkelheit herrscht, besitzt der Traum unendliche Möglichkeiten. Doch mit dem Morgen fordert die Wirklichkeit ihre Gestalt zurück. Deshalb begann der Traum nicht zu verschwinden, sondern er zerstäubte in tausend leuchtende Splitter, die sich über das Papier verteilten wie Pollen einer unsichtbaren Blume.
Jeder Splitter trug einen Teil seines Gesichts davon. Einer wurde zu einem Flügel. Ein anderer zu einer Erinnerung. Wieder ein anderer verwandelte sich in einen Gedanken, der Jahre später in einem fremden Menschen auftauchen würde. Kein Traum stirbt vollständig. Er wechselt lediglich seinen Besitzer.
Zurück blieb keine Figur, sondern eine Spur. Ein Schattenbogen, ein schwarzer Schwung, ein gelber Atemzug und das brennende Rot eines Abschieds. Der Morgen hatte den Traum nicht ausgelöscht. Er hatte ihn in die Sprache des Lichts übersetzt. Was in der Nacht noch Geheimnis gewesen war, wurde nun Bewegung, Energie und Möglichkeit.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis dieses Bildes. Der Traum endet nicht im Erwachen. Er verliert lediglich seine alte Form. Was wir für das Verschwinden halten, ist oft nur eine Verwandlung, die unser Verstand noch nicht erkannt hat. Darum bleibt zwischen den schwarzen Linien, den fließenden Farben und den offenen Räumen etwas bestehen, das sich jeder Erklärung entzieht: die Freiheit, die Welt immer wieder neu zu erfinden. Denn Kunst entsteht nicht dort, wo Formen vollkommen sind, sondern dort, wo sie den Mut besitzen, sich im Licht des Morgens aufzulösen und als etwas völlig Neues wieder geboren zu werden.