
Kalenderblatt vom 12. Mai
“Vollmond über Rohini”
“Full moon over Rohini”
“Luna llena sobre Rohini”
Aquarell auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
„Vollmond über Rohini“ wirkt wie ein stilles kosmisches Ereignis, das sich nicht nur am Himmel, sondern zugleich im Inneren des Betrachters vollzieht. Der leuchtende Mond erhebt sich über einer dunklen, fast archaisch anmutenden Berglandschaft und verwandelt die Nacht in einen Raum zwischen Traum, Erinnerung und spiritueller Ahnung. Das Aquarell entfaltet dabei keine laute Dramatik, sondern eine feine, schwebende Intensität, die gerade durch ihre Zurückhaltung berührt. Die weichen Verläufe der Farben, das fließende Ineinander von Blau, Violett, Grau und goldenen Lichtzonen erzeugen den Eindruck, als würde sich die Landschaft langsam im Licht des Mondes auflösen und zugleich neu erschaffen werden.
Der Titel verweist auf Rohini, einen der bedeutendsten Mondsterne der vedischen Astrologie. Rohini gilt als Symbol für Fruchtbarkeit, Schönheit, schöpferische Kraft und magnetische Anziehung. In vielen alten Überlieferungen ist Rohini jene Sternenkraft, in der der Mond seine größte Strahlkraft entfaltet. Genau dieses Gefühl scheint in diesem Bild sichtbar zu werden: Der Mond ist hier nicht bloß ein Himmelskörper, sondern ein lebendiges Zentrum von Bewusstsein und innerer Bewegung. Er zieht den Blick unaufhaltsam an, wie ein stilles Auge der Nacht, das über die Landschaft wacht und zugleich in verborgene seelische Räume hineinleuchtet.
Die schräg verlaufenden Bergformen verleihen der Komposition eine geheimnisvolle Dynamik. Sie wirken wie Schwellen zwischen Welten, zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Materie und Geist, zwischen dem Bekannten und dem Unsagbaren. Das helle Band im unteren Bereich erinnert an einen verborgenen Pfad oder einen Lichtstrom, der sich durch die Dunkelheit zieht. Dadurch entsteht das Gefühl, dass dieses Bild nicht nur eine Landschaft zeigt, sondern einen inneren Pilgerweg beschreibt. Der Betrachter wird eingeladen, sich dem Schweigen dieser nächtlichen Szene auszusetzen und darin etwas Eigenes wiederzufinden.
Besonders faszinierend ist die Art, wie das Licht des Vollmondes die Umgebung nicht beherrscht, sondern durchdringt. Es gibt keine harte Trennung zwischen Himmel, Berg und Licht. Alles scheint miteinander verbunden zu sein, als würde die gesamte Szenerie in einer einzigen atmenden Bewegung existieren. Genau darin liegt die poetische Kraft dieses Werkes: Es zeigt die Welt nicht als festen Ort, sondern als schwingendes Bewusstseinsfeld.
Das Aquarell besitzt dadurch eine beinahe meditative Qualität. Es erinnert an jene seltenen Augenblicke, in denen man nachts innehält, in den Himmel blickt und plötzlich spürt, dass hinter aller Unruhe eine tiefe, uralte Ordnung existiert. „Vollmond über Rohini“ erzählt von dieser stillen Ordnung. Von der Sehnsucht nach Orientierung. Von der Schönheit des Unausgesprochenen. Und von jenem geheimnisvollen Licht, das selbst in den dunkelsten Landschaften den Weg sichtbar macht.