
Kalenderblatt vom 01. Oktober
„Herr Surbier konnte an dem Festessen nicht teilnehmen. Er hatte seine Krawatte vergessen“
„Mr. Surbier couldn’t take part at the banquet. He had forgotten his necktie“
„Seño Surbier no pudo participar en el banquete. Había olvidado a sua corbata.“
Aquarell, Goldpaste auf Aquarellpapier ca. 21 x 15 cm
Herr Surbier schaut uns an.
Oder vielleicht schaut er durch uns hindurch. Zwei übergroße Augen schweben in einem hellen, beinahe sonnigen Farbraum. Darunter verdichten sich Grau, Schwarz, Rot und Blau zu einer Gestalt, die irgendwo zwischen Mensch, Maske und Erscheinung angesiedelt ist. Der Mund steht offen, die Zähne blitzen hervor. Ein Gesicht scheint entstehen zu wollen und löst sich im selben Augenblick wieder in Farbe auf.
Und ausgerechnet dieser Herr Surbier soll an einem Festessen teilnehmen.
Er kann aber nicht.
Er hat seine Krawatte vergessen.
Der Titel setzt der wilden Freiheit des Aquarells eine geradezu lächerlich kleine gesellschaftliche Ordnung entgegen. Während die Farbe fließt, spritzt, ausbricht und sich jeder sauberen Begrenzung verweigert, genügt in der Welt außerhalb des Bildes ein fehlendes Stück Stoff, um einen Menschen von einem festlich gedeckten Tisch fernzuhalten.
Darin liegt die Komik des Bildes. Aber auch seine leise Grausamkeit.
Denn hinter der absurden Geschichte verbirgt sich eine sehr vertraute Erfahrung: Man gehört nicht dazu, weil man einer Erwartung nicht entspricht. Nicht das Wesen eines Menschen entscheidet über seine Zugehörigkeit, sondern ein Zeichen, eine Form, eine Konvention.
Herr Surbier wird damit zu einer grotesken Figur des Außenseiters.
Doch das Bild macht ihn keineswegs klein. Im Gegenteil. Seine Erscheinung sprengt geradezu den Rahmen jener Welt, die ihn nicht hineinlassen möchte. Die Augen sind zu groß, die Farben zu ungebändigt, der Mund zu offen, die ganze Gestalt zu lebendig für die gepflegte Ordnung eines Festessens.
Und dann sitzt mitten in einem Auge dieses kleine Stück Gold.
Es ist nur ein winziger Akzent, aber plötzlich bekommt das Bild einen anderen Schwerpunkt. Ausgerechnet derjenige, dem das äußere Zeichen gesellschaftlicher Zugehörigkeit fehlt, trägt etwas Kostbares in sich.
Vielleicht liegt genau dort das Geheimnis von Herrn Surbier.
Er besitzt keine Krawatte.
Aber er besitzt etwas, das sich nicht anziehen, vorzeigen oder durch einen Dresscode bestätigen lässt.
So kippt die Geschichte schließlich um. Nicht mehr Herr Surbier erscheint sonderbar, sondern eine Gesellschaft, die einen Menschen wegen einer vergessenen Krawatte vom Tisch fernhält.
Und vielleicht ist sein erschrockener Gesichtsausdruck deshalb gar keiner.
Vielleicht lacht er.
Vielleicht hat Herr Surbier längst begriffen, dass nicht jeder Tisch, an den man nicht gebeten wird, ein Verlust ist.