Archiv der Kategorie: Remastert

Kalenderblatt
26. Mai

Shechen Boudhanat

Kalenderblatt vom 26. Mai
„Shechen Boudhanat“

Acryl, Quarzsand, Pigment auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm

„Shechen Boudhanat“ gewinnt noch mehr Tiefe, wenn man den Titel mit seinem spirituellen Ursprung verbindet. Shechen verweist auf das traditionsreiche Shechen-Kloster der Nyingma-Schule des tibetischen Buddhismus, das in den 1980er-Jahren nahe der großen Stupa von Boudhanath in Kathmandu neu errichtet wurde,  ein Ort der Meditation, Lehre, Kunst und inneren Disziplin. Boudhanath selbst zählt zu den bedeutendsten buddhistischen Kraftorten Nepals und ist seit Jahrhunderten ein Symbol für Bewusstsein, Einkehr und spirituelle Sammlung.

Vor diesem Hintergrund wirkt das Bild wie eine abstrahierte visuelle Meditation über einen heiligen Raum. Das zentrale Rechteck erinnert an eine reduzierte architektonische Form, fast wie ein stilisierter Tempel, ein Fenster oder ein innerer Altar. Die klar geschichteten Farbebenen erzeugen das Gefühl einer bewussten Annäherung: von außen nach innen, vom Sichtbaren zum Wesentlichen.

Das tiefe Blau am äußeren Rand erscheint wie ein Schutzmantel geistiger Sammlung, vergleichbar mit der Ruhe und Würde tibetischer Klosteranlagen. Darin ruht das warme Rotbraun, das an Erde, gelebte Erfahrung und die menschliche Verkörperung erinnert. Es steht für das Irdische, aus dem jede spirituelle Entwicklung erwächst.

Das kräftige Gelb im Zentrum trägt eine fast sakrale Kraft. Es erinnert an vergoldete Dächer, an rituelles Licht und an jene Leuchtkraft tibetischer Klosterkunst, für die Shechen auch bekannt ist, eine Tradition, in der Malerei, Symbolik und spiritische Lehre eng verbunden sind. Das innere weiße Feld wirkt dabei wie Stille in ihrer reinsten Form, kein leerer Raum, sondern eine Zone des Innehaltens, ein stilles Bewusstsein jenseits aller Gedanken.

Der türkisfarbene Hintergrund öffnet das Werk nach außen. Er kann Himmel, Luft oder geistige Weite symbolisieren, ein Feld, das an die offene Präsenz erinnert, die Pilger rund um Boudhanath in der kreisenden Bewegung der Meditation suchen. Das Bild scheint dadurch nicht flach zu sein, sondern fast zu schweben, wie ein stilles Mandala in reduzierter Form. Boudhanath selbst gilt mit seiner mandalaartigen Struktur als einer der bedeutendsten spirituellen Orte Nepals.

Besonders stark wirkt die goldene, organisch aufsteigende Form über dem Zentrum. Sie durchbricht die strenge Geometrie und erinnert an Gebetsrauch, aufsteigende Energie oder Erleuchtung. Während das Rechteck Ordnung, Disziplin und Kontemplation verkörpert, steht diese goldene Bewegung für das Unfassbare: Geist, Transformation und das Überschreiten fester Formen.

Durch Acryl, Quarzsand und Pigment entsteht zusätzlich eine physische, fast klösterliche Materialität. Der Quarzsand bringt Erdung, Rauheit und Beständigkeit hinein, als hätte dieses Werk nicht nur Farbe, sondern Geschichte und Substanz.

So wird „Shechen Boudhanat“ zu weit mehr als einer abstrakten Komposition. Es erscheint wie eine spirituelle Hommage an Shechen und Boudhanath, an einen Ort, an dem Architektur, Stille, Ritual und inneres Licht eine Einheit bilden. Das Bild erzählt davon, dass das wahre Zentrum nicht laut sein muss. Es genügt, wenn es leuchtet.

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Kalenderblatt
26. Mai

Fly, fly away my love

Kalenderblatt zum 26. Mai
„‚Fly, fly away my love“

Aquarell, Pastell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Am Rand einer stillen Küste, dort, wo das Meer den Himmel kaum noch von sich trennen konnte, lebte einst ein alter Fischer, der jeden Morgen denselben Horizont betrachtete. Er sagte, dass es zwei Arten von Abschieden gebe: jene, die mit Tränen schwer auf der Erde liegen, und jene, die leicht genug seien, um vom Wind getragen zu werden.

Eines Tages fand ein kleines Mädchen am Strand einen roten Ballon. Er war nicht einfach nur rot, er glühte wie ein lebendiges Herz, das sich gegen die bleiche Weite des Himmels behauptete. An seiner dünnen Schnur hing ein Knoten, als hätte jemand ihn einst festhalten wollen, aus Angst, etwas Wertvolles zu verlieren. Doch niemand war mehr da. Nur das Meer atmete ruhig, und die alten Pfähle im Wasser standen wie stumme Wächter vergangener Geschichten.

Das Mädchen nahm den Ballon in die Hand und spürte, dass er nicht schwer war und doch trug er eine seltsame Last. Es war, als wären darin Worte eingeschlossen, die nie ausgesprochen wurden. Vielleicht ein letztes „Bleib“, vielleicht ein leises „Vergiss mich nicht“, vielleicht ein unausgesprochenes „Ich liebe dich“.

Jeden Tag kam sie an diesen Strand zurück. Sie setzte sich in den warmen Sand, betrachtete die Spuren der Gezeiten und hielt den Ballon fest, während der Wind an seiner Schnur zog. Er wollte fort. Höher. Weiter. Frei.

Mit der Zeit begriff sie, dass manche Dinge nicht dafür gemacht sind, für immer in einer Hand zu bleiben.

An einem Abend, als der Himmel sich in zartes Blau und fahles Violett legte und das Meer aussah wie ein ruhiger Spiegel der Erinnerung, öffnete sie langsam ihre Finger.

Der rote Ballon stieg auf.

Er zitterte kurz, als würde er sich noch einmal umsehen. Dann hob er sich höher und höher, bis er über Wasser und Wolken schwebte. Unter ihm blieben Strand, Pfähle und die stillen Linien der Erde zurück. Vor ihm lag nur die offene Weite.

Das Mädchen flüsterte: „Fly, fly away my love.“

Sie sprach nicht zu einem Menschen. Nicht zu einer verlorenen Liebe. Nicht zu einem Traum allein. Sie sprach zu allem, was einst festgehalten werden musste  und nun gehen durfte.

Der Ballon wurde kleiner. Ein roter Punkt. Dann fast nur noch Erinnerung.

Doch seltsamerweise fühlte sich der Verlust nicht leer an.

Denn manchmal ist Liebe nicht das Festhalten.

Manchmal ist Liebe das Loslassen mit offenem Herzen.

Und jedes Mal, wenn der Wind später über diesen stillen Strand zog und das Meer die Farbe des Himmels annahm, glaubte man weit oben einen roten Punkt durch die Wolken treiben zu sehen, als hätte eine alte Sehnsucht endlich gelernt, frei zu sein. Nicht verschwunden. Nur weitergereist.

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