Kategoriearchiv: Remastert

Kalenderblatt
28. Juli

Um 6:10 Uhr entdeckte man ein Loch in der Welt

Kalenderblatt vom 28. Juli
„Um 6:10 Uhr entdeckte man ein Loch in der Welt“
„At 6:10 o‘ clock a. m. they detected a hole in the world“
„A las 6:10 se han detectado un agujero en el mundo“

Acryl, Acrylpaste, Glitter, Quarzsand auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Dieses Bild hat eine eigentümliche Kraft. Es arbeitet mit einem Paradox: Der Titel kündigt ein „Loch in der Welt“ an, der Blick entdeckt aber keinen Abgrund, sondern einen goldenen Ursprung. Menschen erwarten beim Wort „Loch“ Leere. Stattdessen finden sie Fülle. Typisch Mensch. Kaum öffnet sich etwas, wird erst einmal das Schlimmste vermutet.

Der Titel „Um 6:10 Uhr entdeckte man ein Loch in der Welt“ verstärkt diese Irritation. Die präzise Uhrzeit wirkt wie eine Zeitungsmeldung oder ein wissenschaftlicher Bericht. Dadurch erhält das eigentlich Unmögliche eine fast dokumentarische Glaubwürdigkeit. Man beginnt unwillkürlich zu fragen: Was geschah um 6:10 Uhr? Doch das Bild verweigert jede Erklärung. Es erzählt nicht, es öffnet.

Das kräftige Rot wirkt wie pulsierendes Leben, wie Blut, Erde, Feuer oder Erinnerung. Es ist keine ruhige Fläche, sondern ein Feld voller Spuren, Verletzungen und Überlagerungen. In seiner Mitte öffnet sich eine unregelmäßige Form aus Gold, rau durch den Quarzsand, fast archaisch. Dieses Gold besitzt nichts Dekoratives. Es ist Materie gewordenes Licht, etwas Ursprüngliches, das sich dem Betrachter nicht aufdrängt und gerade dadurch eine enorme Präsenz entwickelt.

Die beiden schrägen Linien setzen einen stillen Kontrapunkt. Das Orange scheint Energie, Entscheidung oder einen lebendigen Impuls zu verkörpern. Das Blau wirkt dagegen gesammelt, beobachtend und kühl. Beide nähern sich dem Zentrum an, ohne es zu beherrschen. Sie erinnern daran, dass Erkenntnis selten nur aus Gefühl oder nur aus Verstand entsteht. Meist braucht es beides. Leider bevorzugt die Menschheit regelmäßig eines der Extreme. Das spart zwar Denkarbeit, führt aber selten zu Gold.

Besonders gelungen ist der Gedanke, dass das Loch nicht nach außen, sondern nach innen führt. Dadurch wird die Komposition beinahe zu einer Landkarte des Bewusstseins. Das Zentrum ist kein Ziel, das erreicht werden muss. Es war immer vorhanden. Verändert hat sich lediglich der Blick.

Die Uhrzeit 6:10 Uhr lässt sich zudem symbolisch lesen. Kurz nach Sonnenaufgang beginnt die Welt sichtbar zu werden. Es ist die Schwelle zwischen Traum und Alltag, zwischen dem Unbewussten und dem ersten klaren Denken. Gerade in diesen Übergängen erleben Menschen manchmal jene seltenen Momente, in denen für einen Augenblick alles zusammenpasst, bevor der Alltag mit Terminen, Rechnungen und E-Mails beschließt, wieder das Kommando zu übernehmen.

So wird aus dem vermeintlichen Loch eine Einladung. Vielleicht besteht die größte Entdeckung nicht darin, dass in der Welt etwas fehlt, sondern dass mitten in ihren Brüchen etwas Kostbares sichtbar wird. Das Bild behauptet nicht, dass jeder dieses Gold finden wird. Es deutet nur an, dass der Riss bereits vorhanden ist. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob sich die Welt geöffnet hat, sondern ob wir den Mut besitzen, nicht vor dieser Öffnung zurückzuweichen.

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Kalenderblatt
27. Juli

Und ich tauche wieder ein in die Zeit

Das Kalenderblatt zum 27. Juli
“Und ich tauche wieder ein in die Zeit”

“And I submerge into time again”
“Y sumerjo en tiempo de nuevo”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Jeder Mensch trägt in sich die Erinnerung an einen Zustand, der außerhalb der Zeit liegt. Sie erscheint nicht als Erinnerung im gewöhnlichen Sinn, sondern als Sehnsucht, als kaum fassbare Ahnung einer Ganzheit, die dem Bewusstsein vorausgeht. Dieses Bild erzählt von jenem Augenblick, in dem das Ich den Schutz dieser inneren Ewigkeit verlässt und erneut den Weg in die Welt der Gegensätze antritt.

Der leuchtende goldene Bereich auf der linken Seite wirkt wie eine Schwelle zwischen zwei Daseinsformen. Gold ist in der Symbolsprache der Seele niemals bloßer Reichtum. Es verweist auf das Selbst, jenes ordnende Zentrum der Psyche, das größer ist als das Ich und den Menschen unaufhörlich zu seiner Ganzheit ruft. Das Licht fällt nicht von außen ein. Es scheint aus einer Wirklichkeit zu stammen, die bereits im Innersten vorhanden ist.

Dem gegenüber stehen die drei roten horizontalen Bahnen. Sie wirken wie die Gesetze der Zeit. Alles, was lebt, wird in Rhythmen eingeordnet: Geburt und Tod, Anfang und Ende, Erinnern und Vergessen. Rot besitzt hier eine doppelte Bedeutung. Es ist Lebenskraft, aber ebenso Bindung an die materielle Welt, an Leidenschaft, Konflikt und Schicksal. Die Zeit schenkt Entwicklung, verlangt jedoch ihren Preis: Bewusstsein entsteht nur durch Erfahrung.

Zwischen diesen Polen breitet sich ein unruhiges Feld aus. Violett, Schwarz, Gold, Ocker und Blau überlagern sich, als würden zahllose seelische Schichten gleichzeitig sichtbar werden. Hier offenbart sich das Unbewusste nicht als geordnete Landschaft, sondern als lebendige Matrix. Verletzungen, Hoffnungen, verdrängte Erinnerungen und schöpferische Möglichkeiten existieren nebeneinander. Das Chaos ist hier kein Fehler, sondern der notwendige Nährboden der Wandlung. Ohne diese innere Reibung könnte keine Persönlichkeit entstehen.

Besonders eindrucksvoll erscheint der helle Kreis im unteren rechten Bereich. Der Kreis gehört zu den ältesten Symbolen der Ganzheit. Er erinnert an das Mandala, jenes Bild, das immer dann in Träumen und Visionen auftaucht, wenn die Seele versucht, ihre innere Ordnung wiederzufinden. Obwohl der Kreis scheinbar im Chaos schwebt, bleibt er unversehrt. Das Selbst kann verschüttet werden, aber es geht niemals verloren. Es wartet geduldig darauf, vom Bewusstsein wieder erkannt zu werden.

Der Titel verändert die Wahrnehmung des gesamten Bildes. „Und ich tauche wieder ein in die Zeit“ beschreibt keinen Rückschritt. Vielmehr wird deutlich, dass der Mensch die zeitlose Dimension nicht verlassen muss, um in der Welt zu handeln. Er nimmt sie als unsichtbare Mitte mit sich. Die Zeit wird dadurch nicht zum Gefängnis, sondern zum Raum der Verwirklichung. Erst in der Begrenzung kann das Unbegrenzte Gestalt annehmen.

So erzählt dieses Werk nicht von einem Verlust der Ewigkeit, sondern von ihrer Verkörperung. Der Mensch steigt in die Zeit hinab, damit das Ewige Erfahrung sammeln kann. Jede Begegnung, jede Wunde, jede Freude und jede Krise wird Teil eines größeren alchemistischen Prozesses. Am Ende entdeckt der Suchende, dass der Weg durch die Zeit niemals von der Ewigkeit getrennt war. Beides sind keine Gegensätze, sondern zwei Ausdrucksformen derselben Wirklichkeit.

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