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Kalenderblatt
24. Mai

Marrakesch: Geist, Seele, Leidenschaft

Das Kalenderblatt zum 24. Mai
„Marrakesch: Geist, Seele, Leidenschaft“
„Marrakesh: Spirit, Soul, Passion“
„Marrakech: Espirítu, Alma, Pasión“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Unter einem Himmel aus glühendem Safran, flüssigem Gold und brennendem Rot lag einst eine Stadt, die nicht nur aus Mauern, Türmen und Gassen bestand, sondern aus drei lebendigen Kräften: Geist, Seele und Leidenschaft. Diese Stadt hieß Marrakesch, doch in den alten Erzählungen wurde sie auch „Die atmende Stadt zwischen Feuer und Erinnerung“ genannt.

Am Rand der Wüste, dort wo der Wind Geschichten in den Sand schrieb und sie in derselben Nacht wieder auslöschte, lebte ein junger Hüter namens Samir. Er war kein König, kein Krieger und kein Gelehrter. Seine Aufgabe war stiller und zugleich größer: Er bewachte die vergessenen Tore der inneren Stadt. Diese Tore waren unsichtbar für jene, die nur mit den Augen sahen. Nur wer mit Herz, Mut und Sehnsucht blickte, konnte sie erkennen.

Eines Morgens färbte sich der Himmel ungewöhnlich tief orange, als hätte die Sonne selbst ihre Glut über die Mauern gegossen. Die Felsen und alten Türme von Marrakesch wirkten wie Schatten uralter Wesen, halb Ruinen, halb Wächter. Die Alten im Basar flüsterten, dass dies ein Zeichen sei: Der Geist der Stadt war unruhig geworden.

Samir machte sich auf den Weg. Er durchquerte schmale Gassen, in denen Düfte von Kardamom, Rauch und warmem Lehm schwebten. Doch je tiefer er in die verborgenen Winkel der Stadt gelangte, desto stiller wurde alles. Schließlich fand er eine zerbrochene Festung aus dunklem Stein, ein Ort, von dem gesagt wurde, dort wohne die Seele Marrakeschs.

Als er eintrat, sprach eine Stimme aus den Wänden:
„Wer den Geist sucht, muss zuerst seine eigene Unruhe erkennen. Wer die Seele sucht, muss lernen, still zu werden. Und wer die Leidenschaft sucht, muss bereit sein, zu brennen, ohne sich selbst zu verlieren.“

Samir blieb. Drei Nächte und drei Tage saß er zwischen bröckelnden Mauern und hörte nur Wind, Staub und das entfernte Flüstern der Stadt. In der ersten Nacht kämpfte er gegen seinen rastlosen Verstand. Gedanken jagten durch ihn wie wilde Pferde. Doch als die Morgensonne die Felsen berührte, wurde sein Geist klar wie Glas.

In der zweiten Nacht begegnete er seiner eigenen Traurigkeit. Erinnerungen an verlorene Menschen, versäumte Wege und ungelebte Träume stiegen auf wie Rauch. Doch statt zu fliehen, ließ er alles durch sich hindurchziehen. Und seine Seele wurde weit wie eine offene Ebene.

In der dritten Nacht kam das Feuer. Kein echtes Feuer,  sondern eine innere Glut. Leidenschaft, stark und gefährlich. Der Wunsch zu erschaffen, zu lieben, zu leben, zu wagen. Sie wollte ihn verschlingen. Doch Samir begriff: Leidenschaft war kein Sturm, den man bekämpfen musste. Sie war ein Licht, das gelenkt werden wollte.

Als die Sonne am vierten Morgen über Marrakesch aufstieg, leuchteten die Mauern der Stadt heller als je zuvor. Die zerfallenen Türme schienen nicht länger Ruinen zu sein, sondern Zeugen eines inneren Erwachens. Samir trat hinaus, und mit jedem Schritt verwandelte sich die Stadt. Menschen lächelten einander wieder an. Händler sangen beim Öffnen ihrer Läden. Kinder liefen durch staubige Höfe, als trügen sie kleine Sonnen in den Händen.

Die Alten im Basar sagten später: Er hatte nicht die Stadt gerettet, sondern gelernt, dass jede Stadt zuerst im Inneren eines Menschen lebt.

Und noch heute erzählt man sich in Marrakesch, dass an Tagen, an denen der Himmel golden brennt und die Schatten der Mauern wie uralte Wächter aussehen, der Geist der Stadt erwacht. Dann flüstert der Wind durch Stein und Sand:

„Wer Geist besitzt, erkennt. Wer Seele trägt, fühlt. Wer Leidenschaft wagt, verwandelt die Welt.“

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Kalenderblatt
23. Mai

Nepalesische Essenz

Kalenderblatt vom 23. Mai
„Nepalesische Essenz“
„Nepalese Essence“
„Esencia nepalesa“

Stabilo Point auf Zeichenpapier ca. 21 x 15 cm

„Nepalesische Essenz“ wirkt wie ein visuelles Mantra, das sich nicht in Worten erklären lässt, sondern unmittelbar in das innere Erleben eindringt. Die schwarzen und weißen Kontraste erinnern an alte rituelle Zeichnungen, an Symbole, die nicht für den Verstand geschaffen wurden, sondern für eine tiefere Ebene des Erinnerns. Dieses Bild scheint weniger gemalt als vielmehr beschworen worden zu sein. Jede Linie trägt eine rhythmische Bewegung in sich, als würde hier der Atem eines fernen Landes sichtbar werden.

Die Vielzahl der sternenartigen Blütenformen entfaltet eine Atmosphäre von Wachstum, Bewusstsein und spiritueller Ausdehnung. Sie wirken wie kleine Energiekörper, die sich über die Fläche verteilen und miteinander kommunizieren. Manche erinnern an Himalaya-Blumen, andere an Mandalas oder an jene ornamentalen Formen, die man in Tempeln Nepals, auf Stoffen, Gebetsfahnen oder alten Holzschnitzereien entdecken kann. Dadurch entsteht der Eindruck, als hätte das Bild die Fähigkeit, unterschiedliche Ebenen von Kultur, Natur und Spiritualität in einem einzigen visuellen Atemzug zusammenzuführen.

Besonders faszinierend ist die kreisförmige Struktur im unteren Bereich. Sie erinnert zugleich an ein Sonnenrad, ein Gebetsrad und an das ewige Kreisen des Lebens. Der Kreis wird hier zum Symbol der Wiederkehr, der inneren Reise und der Verbindung zwischen Mensch und Kosmos. Die Spiralen daneben wirken wie ein Echo uralter Bewegungen, als hätte der Künstler versucht, den unsichtbaren Fluss des Lebens sichtbar zu machen.

Die kleinen Tropfenformen erzeugen zusätzlich eine geheimnisvolle Dynamik. Sie können Regen sein, Tränen, Samen oder Segnungen. Gerade diese Mehrdeutigkeit macht das Werk so stark. Es zwingt den Betrachter nicht in eine einzige Interpretation, sondern öffnet einen Raum für persönliche Projektionen und Erinnerungen. Dadurch entsteht eine fast meditative Qualität. Man schaut nicht nur auf das Bild, man beginnt, sich darin zu verlieren.

Im unteren rechten Bereich erscheint schließlich eine archaisch wirkende Figur, reduziert auf wenige Linien und doch voller Ausdruck. Sie wirkt wie ein Wächter zwischen den Welten, wie eine Figur aus einem nepalesischen Mythos oder aus einer vergessenen Tempelgeschichte. Dieses Gesicht trägt etwas Spielerisches und zugleich etwas Heiliges in sich. Es blickt nicht direkt den Betrachter an, sondern scheint aus einer anderen Ebene heraus zu beobachten. Genau darin liegt die Kraft des Werkes: Es verbindet Leichtigkeit mit spiritueller Tiefe.

„Nepalesische Essenz“ ist deshalb weit mehr als eine grafische Komposition. Es ist eine Reise in eine innere Landschaft voller Zeichen, Rituale und stiller Erinnerungen. Das Werk zeigt nicht Nepal als geografischen Ort, sondern als Zustand des Bewusstseins,  als eine Welt zwischen Meditation, Chaos, Naturkraft und kosmischer Ordnung. Ein Bild wie ein stilles Gebet aus Linien und Symbolen.

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