Alle Beiträge von JUANLOBO

Kalenderblatt
22. Juli

Wer die Welt erwärmen will, muss ein grosses Feuer in sich tragen.

Das Kalenderblatt zum 22. Juli
“Wer die Welt erwärmen will, muss ein grosses Feuer in sich tragen. ”

“Who will heat the world, must have a great fire inside”
“Quien quiere caldear el mundo, el tiene haber un gran fuego adentro.”

Acryl, Sand und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

„Wer die Welt erwärmen will, muss ein großes Feuer in sich tragen.“ Dieser Satz ist kein Trost. Er ist eine Forderung. Die Erde hat nie auf jene gewartet, die nur über Wärme gesprochen haben. Sie erinnert sich allein an jene, die bereit waren, ihr eigenes Holz zu opfern, damit eine Flamme entstehen konnte. Denn jedes Feuer beginnt mit einem Verlust. Nichts brennt, ohne zuvor seine frühere Gestalt aufzugeben.

In diesem Bild liegt kein Sonnenaufgang, sondern die Spur einer Verwandlung. Das Gold erhebt sich nicht über das Rot, sondern wächst aus ihm hervor, als hätte die Glut jahrhundertelang unter der Oberfläche geschlafen. Das Schwarz ist keine Dunkelheit, sondern die Asche dessen, was bereits verbrannt wurde. Jede Generation hinterlässt solche Schichten. Sie bestehen aus Hoffnungen, Irrtümern, Kriegen, Versöhnungen und den Namen derer, die längst niemand mehr ausspricht. Doch die Materie vergisst nichts. Sand, Pigment und Farbe tragen Erinnerungen tiefer in sich, als jedes Geschichtsbuch es vermag.

Die feinen Linien, die das Bild durchqueren, gleichen den Fäden eines unsichtbaren Gewebes. Sie trennen nicht, sie verbinden Zeiten miteinander. Vergangenheit schneidet in die Gegenwart, und die Gegenwart zeichnet bereits die Narben der Zukunft. Wer ihnen folgt, erkennt, dass Geschichte niemals gerade verläuft. Sie ist ein Geflecht aus Brüchen, Richtungswechseln und unerwarteten Lichtungen.

Das Rot spricht von der Hitze menschlicher Leidenschaft, von Zorn und Liebe, von Opfer und Hoffnung. Das Weiß ist keine Leere, sondern der Augenblick, in dem das Feuer seinen höchsten Punkt überschreitet und Licht wird. Erst dort verliert die Flamme ihren zerstörerischen Charakter und beginnt, Orientierung zu schenken. Das Gold erscheint deshalb nicht als Schmuck, sondern als eine schwer errungene Wahrheit, die nur aus dem Durchgang durch das Feuer hervorgehen kann.

Vielleicht besteht die größte Täuschung unserer Zeit darin zu glauben, Wärme könne verteilt werden, ohne dass jemand zuvor gebrannt hat. Doch jede Kultur, jede Kunst und jede Form des Mitgefühls verdankt sich Menschen, die ein inneres Feuer bewahrten, obwohl die Welt ihnen unzählige Gründe gab, es erlöschen zu lassen. Nicht die Lauten verändern die Geschichte, sondern jene, deren Glut still genug ist, um lange zu brennen.

So erzählt dieses Bild keine Geschichte über Farben. Es erzählt von Verantwortung. Von der Bereitschaft, das eigene Innere nicht vor der Welt zu verstecken, sondern es als Quelle von Licht zu begreifen. Wer die Welt erwärmen will, muss ein großes Feuer in sich tragen. Nicht, um andere zu verbrennen, sondern damit aus der Asche des Vergangenen jenes Gold entstehen kann, das weder gekauft noch geerbt werden kann, sondern allein durch den Mut, sich verwandeln zu lassen.

Teile diesen Beitrag

Kalenderblatt
22. Juli

Die Nase tropft

Das Kalenderblatt zum 22 Juli
„Die Nase tropft“
„Running nose“
„Las gotas de la nariz“

Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Es gibt Wüsten, die aus Sand bestehen. Und es gibt Wüsten, die aus Gedanken gebaut sind. Diese hier ist von jener zweiten Art. Die Sonne hat sich verdoppelt, weil eine einzige Wahrheit dem Himmel längst nicht mehr genügte. Die eine Sonne erinnert sich daran, wie alles begann. Die andere hat bereits vergessen, dass es jemals einen Anfang gab. Zwischen beiden hängt eine einsame, schwarze Nase, schwer wie eine reife Birne, und sie vollbringt das Unmögliche: Sie tropft nach oben und nach unten zugleich.

Nicht Wasser verlässt sie. Nicht Schleim, wie es der Titel mit kindlicher Bosheit vermuten lässt. Sie verliert Erinnerungen. Jede Erinnerung fällt lautlos in die Landschaft und verwandelt sich beim Aufprall in einen Hügel, einen Schatten oder einen Horizont. Darum sieht keine Wüste jemals gleich aus. Sie ist nichts anderes als die Landkarte vergessener Träume.

Die Felsen am Horizont stehen dort wie Zuschauer eines Schauspiels, das seit Millionen Jahren dieselbe Pointe wiederholt. Sie lachen nicht. Sie warten. Denn sie wissen, dass eines Tages auch die zweite Sonne zu tropfen beginnt. Dann werden selbst Licht und Zeit ihre festen Konturen verlieren, als wären sie aus flüssigem Bernstein.

Der Vordergrund glüht in Orange und Rot, als hätte jemand den Boden mit den Resten eines Sonnenuntergangs bemalt. Doch dieser Boden ist keine Erde. Er ist die Oberfläche eines schlafenden Gedankens, der davon träumt, endlich Wirklichkeit werden zu dürfen. Jeder Schritt über ihn verändert nicht die Landschaft, sondern den Wanderer selbst.

Die schwebende Nase ist deshalb kein Körperteil. Sie ist das Organ der Fantasie. Während gewöhnliche Nasen Gerüche wahrnehmen, riecht diese Möglichkeiten. Sie erkennt den Duft ungelebter Leben, den Geschmack ungesagter Worte und das Parfum der Zufälle, die nie geschehen durften. Mit jedem Tropfen verschenkt sie eine neue Wirklichkeit an das Universum, das gierig genug ist, alles zu sammeln.

Der Titel ist eine Falle. Wer über eine tropfende Nase lächelt, hat bereits verloren. Das Surreale liebt solche kleinen Gemeinheiten. Es tarnt das Erhabene als Albernheit und versteckt das Unendliche in einer alltäglichen Redensart. Genau dort beginnt die Freiheit der Vorstellungskraft. Denn erst wenn die Vernunft niest, erwacht die Fantasie. Und plötzlich erscheint es vollkommen selbstverständlich, dass zwei Sonnen den Himmel bewohnen, eine Nase zwischen ihnen schwebt und die Welt aus nichts anderem besteht als aus den Tropfen eines kosmischen Traums.

Teile diesen Beitrag