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Kalenderblatt
11. Mai

Ein wüster Tag

Das Kalenderblatt zum 11. Mai
“Ein wüster Tag”
“A Wild Day”
“Un día salvaje”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

„Ein wüster Tag“ ist ein seelischer Zustand, eine innere Wetterlage, eingefangen in einem einzigen eruptiven Moment zwischen Glut, Erschöpfung und stiller Größe. Das aggressive, fast brennende Rot legt sich wie eine sengende Atmosphäre über das gesamte Bild und erzeugt sofort das Gefühl von Hitze, Trockenheit und existenzieller Unruhe. Nichts wirkt hier weich oder beruhigend, alles scheint unter Spannung zu stehen. Die Oberfläche lebt von Reibung, von aufgewühlten Strukturen und verletzlichen Übergängen. Gerade dadurch entsteht eine ungeheure Präsenz.

Der dunkle horizontale Strich, der sich wie eine Grenze oder ein verbrannter Horizont durch das Werk zieht, teilt nicht nur den Bildraum, er trennt auch zwei Bewusstseinszustände voneinander. Oberhalb davon glüht ein schwerer, goldener Himmelskörper wie eine ausgebrannte Sonne oder ein uralter Planet. Er wirkt zugleich fern und bedrohlich nah. Seine kreisförmige Präsenz erinnert an archaische Zeichen, an Sonnenkulte, an die Vorstellung, dass Licht nicht immer Trost bedeutet, sondern auch Prüfung sein kann. Diese Sonne wärmt nicht, sie richtet.

Rechts verdichten sich dunkle Formen zu etwas, das wie eine verlassene Siedlung, ein Wrack oder eine Erinnerung an menschliche Ordnung erscheint. Doch nichts davon ist stabil. Alles scheint sich bereits wieder aufzulösen, vom Wind verweht oder von innerer Hitze deformiert. Gerade diese Unschärfe macht das Bild so stark: Es erzählt nicht konkret, sondern archetypisch. Der Betrachter erkennt darin eigene Zustände wieder, Tage, an denen alles zu viel ist, an denen die Welt ausgedörrt erscheint und selbst Hoffnung nur noch als ferne Spur existiert.

Und dennoch liegt in diesem Werk keine Resignation. Im Gegenteil. Zwischen all der Glut entsteht eine eigentümliche Würde. Das Bild behauptet sich. Es trägt seine Wüste offen nach außen und verwandelt sie in Ausdruck. „Ein wüster Tag“ zeigt nicht den Zusammenbruch eines Menschen, sondern dessen Fähigkeit, innere Verwüstung sichtbar zu machen, ohne daran zu zerbrechen. Gerade das macht dieses kleine Format so groß.

Die Materialität von Acryl und Acrylpaste verstärkt diesen Eindruck erheblich. Die reliefartigen Strukturen wirken wie aufgerissene Erdoberflächen, wie verbrannte Sedimente oder wie Spuren einer langen inneren Reise. Das Aquarellbüttenpapier hält diese emotionale Hitze nicht glatt zurück, sondern lässt sie atmen. Dadurch entsteht eine faszinierende Spannung zwischen Fragilität und Widerstandskraft.

Dieses Werk spricht von Grenzerfahrungen, von emotionaler Trockenheit, von Tagen ohne Schatten. Und gleichzeitig erzählt es davon, dass selbst in der größten Wüste noch Form, Rhythmus und Schönheit entstehen können. Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieses Bildes: Dass auch die verwüsteten Tage Teil unserer inneren Landschaft sind  und manchmal gerade sie die stärksten Bilder hervorbringen.

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Kalenderblatt
11. Mai

Kalenderblatt 11. Mai

Das Kalenderblatt zum 11. Mai
“Der Wächter der verborgenen leuchtenden Welten”
“The Guardian of the Hidden Luminous Worlds”
“El Guardián de los Mundos Luminosos Ocultos”

Pastellkreide und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Der Wächter der verborgenen leuchtenden Welten erschien immer dann, wenn die Nacht begann, ihre dunklen Schleier über die Gedanken der Menschen zu legen. Niemand wusste genau, woher er kam. Manche behaupteten, er sei älter als die Sterne selbst. Andere flüsterten, er wäre aus den Träumen jener geboren worden, die zu lange in die Glut eines Feuers gestarrt hatten. Sein Gesicht schien aus Bewegung zu bestehen, Linien, Kreise, Schatten und Farben, die niemals vollkommen stillstanden. Sein linkes Auge glühte wie eine kleine Sonne, als würde darin ein ferner Stern explodieren, während das andere Auge wie ein verborgener Tunnel in unbekannte Räume wirkte. Wer ihm begegnete, hatte oft das Gefühl, gleichzeitig angesehen und durchschaut zu werden.

Tief unter den Städten der Menschen, verborgen hinter vergessenen Türen und zerbrochenen Erinnerungen, existierten die leuchtenden Welten. Dort schwebten Gedanken wie lebendige Wesen durch die Luft. Farben hatten Stimmen. Geräusche konnten Formen annehmen. Und jedes Gefühl hinterließ Spuren aus Licht auf den Wänden der unsichtbaren Räume. Doch diese Welten waren empfindlich geworden. Die Menschen auf der Erde hatten begonnen, ihre Träume zu vergessen. Sie blickten nur noch auf Zahlen, Bildschirme und das grelle Licht ihrer künstlichen Tage. Dadurch wurden die verborgenen Welten schwächer. Ihre Farben verblassten langsam wie alte Fresken im Regen.

Der Wächter hatte die Aufgabe, das letzte Feuer zu beschützen. Jenes Feuer, das in seinem glühenden Auge brannte. Es war kein gewöhnliches Licht. Es war die Erinnerung daran, dass der Mensch einst gelernt hatte, mit dem Herzen zu sehen. Jede Nacht wanderte der Wächter zwischen den Dimensionen hindurch und lauschte den Stimmen verlorener Seelen. Er sammelte vergessene Hoffnungen, zerbrochene Kindheitsträume und die letzten Funken innerer Vorstellungskraft. Aus ihnen erschuf er neue Sterne für die verborgenen Welten.

Eines Abends begegnete ihm ein kleines Mädchen, das nicht schlafen konnte. Sie hatte Angst vor der Dunkelheit ihres Zimmers und weinte leise in ihr Kissen hinein. Plötzlich begann die Wand neben ihrem Bett zu pulsieren. Schwarze Linien breiteten sich aus wie Wurzeln eines uralten Baumes, und aus der Tiefe dieser Schatten trat der Wächter hervor. Das Mädchen wollte schreien, doch seine Erscheinung war zugleich seltsam tröstlich. Sein glühendes Auge erinnerte sie an einen Sonnenaufgang nach einem langen Winter.

„Warum bist du traurig?“, fragte der Wächter mit einer Stimme, die wie ferne Musik klang.

Das Mädchen antwortete: „Weil die Welt immer grauer wird.“

Da lächelte der Wächter. Langsam öffnete sich unter seinem Gesicht ein leuchtender Kreis, in dem Farben wirbelten wie lebendige Planeten. Das Mädchen sah darin Wälder aus violettem Licht, rote Monde, singende Flüsse und Häuser, die aus Erinnerungen gebaut waren. Sie sah eine Welt, die niemals aufgehört hatte zu träumen.

„Diese Welten existieren nur“, sagte der Wächter, „solange Menschen den Mut besitzen, ihrer inneren Stimme zu folgen.“

Dann berührte er mit seiner dunklen Hand die Stirn des Kindes. In diesem Moment begann das Zimmer zu leuchten. Die Schatten verloren ihre Bedrohung. Die Wände atmeten Farbe. Und dort, wo eben noch Angst gewesen war, entstand plötzlich etwas anderes, Staunen.

Am nächsten Morgen konnte sich das Mädchen nur bruchstückhaft erinnern. Doch sie begann zu malen. Jeden Tag. Wochenlang. Ihre Bilder waren voller seltsamer Gesichter, leuchtender Sonnen und geheimnisvoller Kreise. Die Erwachsenen verstanden sie nicht. Aber tief in ihrem Inneren wusste das Mädchen, dass der Wächter noch immer irgendwo zwischen den Welten wanderte, auf der Suche nach Menschen, die das Licht ihrer Fantasie noch nicht verloren hatten.

Und manchmal, wenn die Nacht besonders still wird, kann man ihn noch sehen. Nicht deutlich. Nur als flüchtige Bewegung aus Schatten, Farbe und Glut. Ein Wesen mit einem brennenden Auge, das über die letzten verborgenen Welten wacht  und darauf hofft, dass die Menschen sich eines Tages wieder an ihre eigene innere Sonne erinnern.

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