
Kalenderblatt vom 13. September
„Herr Surbier versucht verzweifelt die Botschaft der Uranier zu entschlüsseln“
„Mr. Surbier tries desperately to decrypt the message of the Uranians“
„Señor Surbier intenta desoladamente descodificar el mensaje de los Uranos“
Tusche, Aquarell, auf Aquarellpapier ca. 21 x 15 cm
Herr Surbier hat ein Problem.
Irgendetwas wurde ihm mitgeteilt. Woher die Botschaft kommt, wissen wir nicht. Was die Uranier ihm sagen wollen, offenbar ebenso wenig. Sicher scheint nur: Herr Surbier arbeitet daran. Mit beträchtlichem Aufwand.
Im Zentrum des Bildes verdichten sich schwarze Linien, technische Formen, Kreise, Kästen und kleine farbige Signale zu einer eigentümlichen Konstruktion. Sie könnte eine Empfangsapparatur sein, eine Maschine, ein Denkmodell oder vielleicht alles gleichzeitig.
Herr Surbier versucht zu ordnen, zu prüfen, zu unterscheiden und schließlich zu verstehen.
Doch während dort noch analysiert und entschlüsselt wird, geschieht im übrigen Bild etwas völlig anderes.
Die Welt beginnt zu fließen.
Rot, Gelb, Violett und Blau ziehen in breiten Bahnen durch den Bildraum. Schwarze Linien winden sich dazwischen, Formen öffnen und überlagern sich, Strukturen scheinen sich aufzubauen, nur um im nächsten Moment wieder auseinanderzufallen.
Die Botschaft, nach der Herr Surbier so angestrengt sucht, scheint längst überall vorhanden zu sein.
Nur spricht sie nicht seine Sprache.
Vielleicht liegt genau darin seine Verzweiflung.
Er erwartet Zeichen, die sich übersetzen lassen. Einen Code. Eine Ordnung. Eine eindeutige Bedeutung. Doch das, was ihm begegnet, antwortet nicht in Worten oder logischen Zusammenhängen. Es erscheint als Farbe, Rhythmus, Bewegung und Energie.
Damit werden auch die geheimnisvollen „Uranier“ interessant.
Sie müssen keineswegs nur Bewohner eines fernen Planeten sein. Sie können ebenso für etwas Fremdes stehen, das außerhalb unserer gewohnten Wahrnehmung liegt: für eine andere Wirklichkeit, die sich bemerkbar macht, ohne sich vollständig erklären zu lassen.
Und plötzlich bekommt die skurrile Situation eine ernstere Dimension.
Herr Surbier sucht nach einer Information, während ihm möglicherweise eine Erfahrung begegnet.
Darin steckt etwas sehr Menschliches. Wir möchten verstehen, benennen und einordnen. Wir entwickeln Begriffe und Systeme, bauen gedankliche Apparaturen und hoffen, dass sich das Unbekannte irgendwann in etwas Bekanntes übersetzen lässt.
Doch vielleicht funktioniert Erkenntnis nicht immer so.
Vielleicht gibt es Wirklichkeiten, die sich nicht entschlüsseln lassen, weil es gar keinen Schlüssel gibt.
Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe darin, für einen Augenblick darauf zu verzichten, alles verstehen zu wollen, und stattdessen wahrzunehmen, was geschieht.
Genau hier treffen sich für mich Humor und Erkenntnissuche in diesem Bild. Herr Surbiers verzweifelte Bemühungen wirken komisch. Gleichzeitig berühren sie eine grundlegende Frage: Was geschieht mit uns, wenn wir etwas begegnen, das größer ist als unsere Fähigkeit, es begrifflich zu erfassen?
Vielleicht liegt die Ironie am Ende sogar bei den Uraniern.
Denn während Herr Surbier noch seine Apparatur bedient, Zeichen vergleicht und fieberhaft nach dem richtigen Code sucht, könnte ihre Botschaft längst angekommen sein.
Während Herr Surbier noch versucht, die Botschaft der Uranier zu entschlüsseln, hat sie längst begonnen, durch seine Welt zu fließen.