
Kalenderblatt vom 2. September
„Die Vorzeichen sind unklar. Man hätte besser die Leber befragen sollen.“
„The auguries are dubious. It would have been better to consult the liver“
„Los augurios son difusos. Habría sido mejor preguntar el hígado.“
Acryl, Acrylpaste, Glitter auf Aquarellpapier ca. 21 x 15 cm
Das Bild scheint voller Zeichen zu sein.
Doch keines davon lässt sich eindeutig lesen.
Auf einem intensiv roten Grund liegen schwarze Balken, Linien, Verdichtungen und Überlagerungen. Links erhebt sich eine grüne, beinahe konstruktive Form. Sie könnte an eine Schrift erinnern, an ein Gitter, ein Gerät oder ein Zeichen aus einem unbekannten Alphabet.
Rechts antwortet darauf eine große schwarze Kreisbewegung. In ihrem Inneren sitzt ein kleiner orange-gelber Kern.
Auge? Sonne? Organ? Öffnung?
Kaum entsteht eine mögliche Bedeutung, beginnt sie bereits wieder zu zerfallen.
Gerade darin liegt die Spannung des Bildes. Es bietet dem Blick zahlreiche Anhaltspunkte und verweigert gleichzeitig eine eindeutige Lesart.
Das Rot beherrscht die Fläche. Es wirkt heiß, unmittelbar und körperlich. Schwarz legt sich darüber, begrenzt, durchkreuzt und verdichtet. Das Grün setzt einen beinahe fremdartigen Gegenakzent. Und innerhalb der großen schwarzen Rundung behauptet sich ein kleiner orange-gelber Fleck gegen die gesamte Bildfläche.
Die Acrylpaste verstärkt diesen Eindruck. Linien und Farbflächen liegen nicht nur auf dem Papier, sondern besitzen Erhebungen, Widerstände und Spuren. Der Glitter erscheint dagegen nur punktuell und verändert sich mit dem Licht.
Die Oberfläche selbst wird zum Träger von Zeichen.
Nur: Zeichen wofür?
Der Titel scheint zunächst eine Antwort zu versprechen:
„Die Vorzeichen sind unklar.“
Das klingt nach Orakel, Weissagung und dem uralten menschlichen Versuch, in Erscheinungen eine verborgene Ordnung zu erkennen.
Doch der zweite Satz verändert alles:
„Man hätte besser die Leber befragen sollen.“
Was zunächst absurd klingt, besitzt einen historischen Hintergrund. In verschiedenen Kulturen der Antike wurde tatsächlich versucht, aus der Beschaffenheit der Leber geopferter Tiere göttliche Botschaften und zukünftige Ereignisse abzulesen. Die sogenannte Leberschau machte den Körper selbst zu einer Art Landkarte des Verborgenen.
Damit bekommt der Titel seinen eigentümlichen Ernst hinter dem Humor.
Denn vielleicht handelt das Bild gar nicht von einem bestimmten Orakel.
Vielleicht handelt es vom Lesen selbst.
Menschen betrachten Wolken, Sterne, Karten, Körper, Träume, Zufälle oder Bilder und beginnen, darin Zusammenhänge zu suchen. Wir entdecken Zeichen und möchten wissen, was sie bedeuten.
Auch vor diesem Bild geschieht genau das.
Wir versuchen, die grünen Linien zu entziffern. Wir fragen uns, was der schwarze Kreis bedeutet. Wir machen aus dem orangefarbenen Fleck eine Sonne, aus dem Rot Feuer und aus den schwarzen Spuren vielleicht eine Schrift.
Aber nichts bestätigt unsere Vermutungen.
Das Bild lässt sich betrachten, aber nicht entschlüsseln.
Vielleicht existiert die Botschaft.
Vielleicht haben wir nur das falsche Zeichensystem gewählt.
Vielleicht gibt es überhaupt keine Botschaft und unser Wunsch nach Bedeutung erzeugt erst das Orakel.
So entsteht zwischen Bild und Titel ein Spiel aus Ernst und Ironie, Zeichen und Zufall, Deutung und Zweifel.
Und während wir weiterhin versuchen herauszufinden, was all diese Formen bedeuten könnten, steht zumindest eines fest:
Die Vorzeichen bleiben unklar.
Man hätte eben doch die Leber befragen sollen.