Kalenderblatt
16. Juli

Kalenderblat 16. Juli

Das Kalenderblatt zum 16. Juli
„Lichtzustand“
„State of Light“
„Estado de la Luz“
Aquarell, Wachsmalkreide und Acrylpaste
auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Dieses Bild verweigert sich jeder schnellen Deutung. Es erzählt nichts, illustriert nichts und versucht nicht, dem Betrachter zu gefallen. Gerade darin liegt seine Stärke. Was zunächst wie eine lose Folge von Farbspuren erscheint, entwickelt bei längerer Betrachtung eine innere Ordnung, die nicht konstruiert, sondern gewachsen wirkt. Die verschiedenen Schichten aus Aquarell, Wachsmalkreide und Acrylpaste begegnen sich nicht als Gegensätze, sondern als unterschiedliche Zustände derselben Wirklichkeit. Farbe wird hier nicht aufgetragen, sie scheint sich an Erinnerungen festzuhalten.

Das warme Gelb besitzt keine dekorative Funktion. Es tritt wie eine Lichtsubstanz auf, die sich ihren Weg durch die Oberfläche bahnt. Gleichzeitig verweigert sie jede Eindeutigkeit. Ist sie Sonne? Ist sie ein Körper? Ist sie nur das Nachbild eines vergangenen Augenblicks? Gerade diese Offenheit verleiht der Arbeit ihre Spannung. Kunst verliert ihren Wert in dem Moment, in dem sie jede Frage beantwortet. Dieses Bild tut das Gegenteil. Es stellt Fragen, ohne sie auszusprechen.

Die rosa und violett schimmernden Flächen bilden keinen Himmel im landschaftlichen Sinn. Sie erinnern eher an jene Zwischenräume des Sehens, in denen Wahrnehmung noch nicht zu Begriffen geworden ist. Dort beginnt Malerei interessant zu werden. Nicht dort, wo sie beschreibt, sondern dort, wo sie das Unsichere sichtbar macht.

Im unteren Bereich begegnet das Auge einem kräftigen Blau, das den Raum erdet, ohne ihn abzuschließen. Es könnte Wasser sein. Es könnte Entfernung sein. Es könnte ebenso gut die letzte kühle Erinnerung innerhalb eines warmen Farbfeldes darstellen. Dass nichts eindeutig festgelegt wird, ist kein Mangel, sondern Ausdruck künstlerischer Disziplin. Wer alles erklärt, lässt dem Betrachter keinen Platz mehr.

Bemerkenswert ist die haptische Qualität der Oberfläche. Die Acrylpaste bildet feine Widerstände, über die sich die transparenten Aquarellschichten legen. Dazwischen hinterlässt die Wachsmalkreide ihre Spuren wie kleine Verweigerungen gegenüber der fließenden Farbe. Dadurch entsteht ein Rhythmus von Annäherung und Distanz, von Offenlegung und Verdeckung. Die Oberfläche besitzt eine eigene Zeitlichkeit. Sie wirkt, als sei sie nicht gemalt, sondern über lange Zeit hinweg entstanden.

Mich interessiert an dieser Arbeit weniger ihre mögliche Bedeutung als ihre Glaubwürdigkeit. Sie versucht nicht, originell zu sein. Sie sucht keinen Effekt. Stattdessen vertraut sie darauf, dass Farbe selbst denken kann. Das ist selten geworden. Zu oft wird Malerei heute mit Konzepten überladen, während hier das Material selbst spricht.

Das Bild ist kein Fenster zur Welt, sondern ein Ort, an dem Wahrnehmung geschieht. Es fordert Geduld, weil es sich nicht sofort erschließt. Doch genau darin liegt seine Qualität. Je länger man verweilt, desto deutlicher wird, dass hier nicht eine Landschaft dargestellt wird, sondern ein innerer Zustand zwischen Erinnerung, Licht und dem kaum fassbaren Moment, in dem aus Farbe Bedeutung entstehen könnte. Das Werk endet nicht an seinem Rand. Es setzt sich im Blick des Betrachters fort und verändert sich mit jeder erneuten Begegnung.

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