
Das Kalenderblatt zum 13. Juli
„Als der Nebel beschloss, das Licht zu träumen“
„When the Mist Chose to Dream the Light“
„Cuando la niebla decidió soñar la luz“
Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Es geschah an einem Morgen, den selbst die Uhren vergaßen. Der Nebel hatte sich müde über die Welt gelegt, nicht um sie zu verbergen, sondern weil er zum ersten Mal selbst träumen wollte. Jahrtausende hatte er Berge verschluckt, Flüsse verschleiert und die Konturen der Wirklichkeit verwischt. Doch nun sehnte er sich nach etwas, das ihm nie gehört hatte: dem Licht.
Ich begegnete ihm auf einer Ebene aus schlafendem Wasser. Der Horizont war kein Horizont mehr, sondern eine weiche Falte im Gesicht der Ewigkeit. Dort standen Gestalten, die weder Menschen noch Bäume waren. Vielleicht waren es Erinnerungen, die beschlossen hatten, für einen Augenblick Körper anzunehmen. Vielleicht waren sie Schatten, die das Sonnenfeuer heimlich adoptiert hatte.
Über ihnen öffnete sich ein Himmel, der nicht aus Wolken, sondern aus geschmolzener Koralle, flüssigem Gold und schlafenden Granatäpfeln bestand. Die Farben flossen nicht von links nach rechts. Sie stiegen nach unten und fielen gleichzeitig nach oben. Denn in diesem Reich hatte die Schwerkraft ihre Vernunft verloren, und die Vernunft war ohnehin nur ein schlecht gekleideter Gast.
Der Nebel sah dieses Farbmeer und begann zu träumen. Sein Traum war heller als jede Sonne. Er stellte sich vor, durchsichtig zu werden, ohne zu verschwinden. Er stellte sich vor, das Licht nicht länger zu verschlucken, sondern es wie eine kostbare Frucht in sich reifen zu lassen. Während er träumte, verwandelten sich seine Schleier in schimmernde Gedanken, und jeder Gedanke wurde zu einer Landschaft, die niemals jemand betreten konnte, weil sie ausschließlich im Inneren des Sehens existierte.
Ich griff nach einer dieser Landschaften. Sie fühlte sich an wie der Duft einer vergessenen Kindheit. Sie schmeckte nach einer Uhr, die rückwärts schwamm, und nach einem Vogel, der seine Flügel gegen Wurzeln eingetauscht hatte. Alles war unmöglich und deshalb vollkommen wahr.
Aus der Ferne trat eine schweigende Gestalt hervor. Sie besaß keinen Schatten, denn ihr Schatten war längst vorausgegangen und wartete bereits in der Zukunft. Ihr Gesicht bestand aus Nebel, doch ihre Augen waren zwei winzige Sonnen, die sich weigerten unterzugehen. Sie sprach keinen Laut. Stattdessen ließ sie den Himmel eine einzige Farbe verlieren. Sofort entstand daraus ein neuer Morgen.
Da begriff ich, dass Licht niemals schläft. Es wartet nur geduldig darauf, von etwas geträumt zu werden, das selbst keine Helligkeit besitzt. Der Nebel war nie der Feind des Lichts gewesen. Er war sein heimlicher Dichter, der jede Helligkeit mit Schweigen umrahmte, damit sie überhaupt sichtbar werden konnte.
Als der Traum endete, blieb die Landschaft unverändert. Die Hügel lagen noch immer unter ihrem silbrigen Schleier, die fernen Gestalten standen reglos an ihrem geheimnisvollen Ufer, und der Himmel brannte weiter in unmöglichen Farben. Doch wer genau hinsah, entdeckte eine feine Veränderung: Der Nebel leuchtete von innen.
Seit jenem Morgen glaube ich, dass die Wirklichkeit nur deshalb Bestand hat, weil sie sich gelegentlich erlaubt, für einen flüchtigen Augenblick unmöglich zu werden. Und vielleicht beginnt jede große Verwandlung genau dort, wo der Nebel beschließt, das Licht zu träumen.