
Das Kalenderblatt zum 19. Juni
„Stürmische Gewässer“
„Stormy Waters“
„Aguas Tormentosas“
Aquarell, Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Unter einem Himmel aus aufgewühlten Farben lag ein Meer, das keinen Horizont mehr kannte. Wasser und Wolken waren ineinandergeflossen, als hätte die Welt beschlossen, ihre Grenzen aufzugeben. Die Fischer des kleinen Küstendorfes nannten diesen Ort die Stürmischen Gewässer, doch die Alten wussten, dass es mehr war als ein Stück Meer. Sie erzählten von einer unsichtbaren Schwelle zwischen den Welten, die nur dann erschien, wenn Wind, Wasser und Licht miteinander zu sprechen begannen.
Eines Abends machte sich ein junger Mann namens Elias auf den Weg zu jener Küste. Sein Herz war schwer von Fragen. Er hatte vieles verloren: Gewissheiten, Träume und die Vorstellung davon, wohin sein Leben führen sollte. Als er am Ufer ankam, tobte der Sturm. Dunkle Wolken jagten über den Himmel, und das Meer schimmerte in geheimnisvollen Grün- und Goldtönen, als würde tief unter der Oberfläche ein verborgenes Licht brennen.
Während die Wellen gegen die Felsen schlugen, bemerkte Elias etwas Seltsames. Mitten im Sturm erhob sich eine Gestalt aus Nebel und Wasser. Sie war weder Mann noch Frau, weder jung noch alt. Ihr Körper bestand aus den Farben des Himmels und den Schatten des Meeres. Dort, wo ihre Augen sein mussten, glühte ein sanftes goldenes Licht.
„Warum fürchtest du den Sturm?“, fragte die Gestalt.
Elias antwortete: „Weil er alles zerstören kann.“
Da lächelte die Erscheinung und deutete auf die tosenden Wasser. „Sieh genauer hin.“
Elias blickte erneut hinaus. Nun erkannte er, dass die Wellen nicht nur zerstörten. Sie formten neue Strömungen, schufen neue Wege und trugen Altes davon, das längst hätte gehen sollen. Das Meer kämpfte nicht gegen sich selbst. Es war einfach das Meer. Kraftvoll, wild und lebendig.
Je länger er hinsah, desto mehr begann er zu verstehen. Nicht der Sturm war sein Feind. Es war sein Wunsch gewesen, dass alles so bleiben möge, wie es war. Doch das Leben war wie diese Gewässer: ständig in Bewegung, ständig zwischen Auflösung und Neubeginn.
Die Gestalt hob die Hand, und für einen kurzen Augenblick brach ein goldener Lichtschein durch die Wolken. Das Wasser begann zu leuchten. Elias sah darin Bilder seines Lebens, vergangene Entscheidungen, verpasste Chancen, verlorene Menschen und ungelebte Möglichkeiten. Doch anstatt Schmerz zu empfinden, erkannte er plötzlich den verborgenen Sinn hinter allem. Jeder Verlust hatte ihn hierhergeführt. Jede Wunde hatte einen neuen Raum geöffnet.
Als der Lichtschein verschwand, war auch die Gestalt fort. Der Sturm tobte weiter, doch Elias fühlte keine Angst mehr. Inmitten der unruhigen See hatte er etwas gefunden, das größer war als Sicherheit: Vertrauen in den Wandel.
Als er sich auf den Heimweg machte, begann am Horizont ein neuer Morgen zu dämmern. Das Meer war noch immer bewegt, die Wolken noch immer schwer. Doch tief zwischen Wasser und Himmel glomm ein Streifen aus Gold. Und Elias wusste, dass die stürmischen Gewässer des Lebens nicht dazu da sind, uns zu verschlingen, sondern uns in die Weite unseres eigenen Wesens hinauszutragen. Dort, wo die alten Ufer enden, beginnt oft die wahre Reise.