
Das Kalenderblatt zum 19. März
“Vorbei der Traum”
“The Dream Is Over”
“El sueño ha terminado”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Es war der Moment zwischen Nacht und Morgen, als die Welt noch nicht entschieden hatte, ob sie weiterträumen oder erwachen wollte. In dieser Stunde stand Mara am Rand der alten Fabrikruine, wo der Wind durch gebrochene Fenster sang und die Wände Geschichten flüsterten, die niemand mehr hören wollte.
Lange hatte sie geglaubt, dass Träume aus Licht gemacht seien. Golden, leuchtend, unzerbrechlich. So hatte es sich angefühlt, damals, als alles begann, als die Zukunft noch offen war wie ein Tor aus flammenden Farben.
Doch nun sah sie die Spuren der Zeit vor sich wie eine Landschaft aus zerklüfteten Schatten und brennendem Gelb, als hätte jemand die Hoffnung selbst über eine dunkle Wand geschüttet.
Aus dem Boden ragten seltsame Linien, wie verdrehte Wege aus Metall, die sich nach oben wanden. Sie erinnerten an die Träume der Menschen, dünn, verletzlich, aufstrebend und doch immer in Gefahr, zu brechen.
Mara ging näher heran und strich mit den Fingern über eine der Linien. Sie war kalt.
„Also war das alles?“ flüsterte sie.
Der Traum, den sie so lange getragen hatte, von einem anderen Leben, von Freiheit, von einer Liebe, die die Welt verändern könnte, lag nun hinter ihr. Nicht zerbrochen, nicht zerstört.
Nur vorbei.
Und doch war da dieses Gelb. Dieses unverschämte, aufleuchtende Gelb, das sich durch die dunklen Flächen fraß, als wolle es sagen: Etwas endet nie ganz. Es verwandelt sich nur.
Mara setzte sich auf den staubigen Boden. Der Himmel über der Ruine begann heller zu werden.
In der Ferne zog ein erster roter Streifen über den Horizont, wild und ungestüm wie ein letzter Pinselstrich.
Da begriff sie etwas, das sie zuvor nie verstanden hatte:
Ein Traum stirbt nicht, wenn er vorbei ist.
Er stirbt nur, wenn man glaubt, dass nichts mehr kommen kann.
Langsam stand sie auf. Die metallenen Linien wirkten nun nicht mehr wie Reste eines zerbrochenen Versprechens. Sie sahen eher aus wie Samen aus Licht, die sich durch die Dunkelheit nach oben kämpften.
Mara lächelte leise.
„Gut“, sagte sie in den erwachenden Morgen hinein.
„Dann war dies also nur der Anfang vom Ende eines Traums.“
Und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu:
„Das bedeutet wohl, dass irgendwo schon der nächste beginnt.“