Kalenderblatt
27. Februar

Ich schlaf noch ne Runde

Kalenderblatt vom 27. Februar
“Ich schlaf noch ne Runde”
“I’am still sleeping for awhile”
“Estoy dormiendo un poco todavía”

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm

„Ich schlaf noch ’ne Runde“ ist kein harmloser Morgengruß, es ist ein Manifest. Ein visuelles Bekenntnis zum Rückzug, zur Verweigerung, vielleicht sogar zur stillen Rebellion gegen das Unerbittliche des Tages. In einer dominierenden, fast körperlich spürbaren Tiefenstruktur aus Rot- und Erdnuancen entfaltet sich eine Szenerie, die zwischen Traum und Erwachen oszilliert. Die Oberfläche wirkt aufgewühlt, aufgebrochen, reliefartig verdichtet, als hätte sich das Innere selbst nach außen gedrückt. Acryl und Acrylpaste modellieren nicht nur Form, sondern Zustand: ein seelisches Terrain im Übergang.

Im Zentrum – oder vielmehr im Widerstand gegen ein klares Zentrum – begegnen wir einer fragmentierten, beinahe embryonalen Figur. Sie scheint eingebettet, vielleicht gefangen, vielleicht geschützt. Die Linien sind scharf, kantig, teilweise aggressiv. Und doch liegt in der Körperhaltung etwas zutiefst Menschliches: das Bedürfnis nach Rückzug, nach Schutz, nach einem Innehalten vor der Welt. „Ich schlaf noch ’ne Runde“ klingt beiläufig, doch im Kontext dieser Bildgewalt wird es zur existenziellen Aussage. Hier spricht kein Morgenmuffel. Hier spricht eine Seele, die sich dem Zugriff entzieht.

Das intensive Rot dominiert, es pulsiert, es drängt, es konfrontiert. Rot als Farbe des Lebens, der Energie, des Blutes. Doch auch als Farbe des Alarms. Dazwischen: ein irritierender Akzent in Gelb. Ein Fragment, ein Lichtsplitter, ein Störimpuls. Dieses Gelb ist kein freundlicher Sonnenaufgang, es ist ein Riss im System. Ein Zeichen dafür, dass das Außen längst anklopft. Dass der Tag bereits seine Forderungen stellt. Doch die Figur bleibt – noch – im Inneren. Im Dazwischen. Im Unentschiedenen.

Die Komposition verweigert Harmonie. Sie konfrontiert mit Brüchen, Überlagerungen, Verdichtungen. Und genau darin liegt ihre Kraft. Dieses Bild ist kein dekoratives Objekt, es ist ein emotionaler Resonanzraum. Es zwingt zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Aufschub, mit der eigenen Müdigkeit gegenüber einer Welt, die ständig Bewegung verlangt. Es stellt die Frage: Was, wenn das Weiterschlafen kein Zeichen von Schwäche ist, sondern von Selbstschutz?

Auf dem fragilen Untergrund des Aquarellbüttens entfaltet sich eine Bildsprache, die roh und zugleich sensibel ist. Die Materialität wird zum Mitspieler. Jede Rille, jede Schicht erzählt von Prozess, von Überarbeitung, von innerem Ringen. Hier wurde nicht gemalt, hier wurde durchlebt.

„Ich schlaf noch ’ne Runde“ ist damit weit mehr als ein Titel. Es ist eine Haltung. Eine Entscheidung. Vielleicht sogar ein leiser Akt der Selbstermächtigung. Denn manchmal ist das kraftvollste „Ja“ zum Leben ein bewusstes „Noch nicht“.

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