„Geisterstunde am See“ ist kein Bild, das man betrachtet, es ist ein Bild, das einen betritt. Es öffnet einen Schwellenraum zwischen Tag und Nacht, zwischen Sichtbarem und Gefühltem, zwischen Materie und Erinnerung. Die grobkörnige Oberfläche des Quarzsands verleiht dem Werk eine archaische Erdhaftigkeit, als wäre diese Landschaft nicht gemalt, sondern freigelegt worden, Schicht für Schicht, Zeitspur für Zeitspur.
Im oberen Bildraum glüht ein rostrot-goldenes Firmament, das weniger Himmel als innerer Zustand ist. Es wirkt wie das Nachleuchten eines vergangenen Tages oder das Aufglimmen einer alten Geschichte, die sich dem Vergessen widersetzt. Diese Zone trägt etwas Unruhiges, beinahe Wachendes in sich, als würden sich dort Stimmen sammeln, flüchtig, ungreifbar, kurz vor dem Verschwinden. Die Geisterstunde ist hier kein Spuk, sondern ein Moment höchster Präsenz: wenn alles still wird und das Verborgene hörbar.
Darunter liegt der See, dunkel, schwer, von Grün- und Blauschichten durchzogen. Die Acrylpaste modelliert seine Oberfläche so, dass sie weder ruhig noch bewegt ist, sondern in einem dauerhaften Dazwischen verharrt. Dieser See spiegelt nichts Konkretes. Er schluckt. Er bewahrt. Er ist ein Gedächtnisraum, in dem Emotionen sedimentieren dürfen. Gelbe Lichtbahnen schneiden durch das Dunkel wie letzte Reflexe des Bewusstseins, wie Erinnerungen, die noch einmal aufblitzen, bevor sie versinken.
Die Komposition führt den Blick nicht in die Tiefe, sondern in die Erfahrung. Horizont und Grenze lösen sich auf, oben und unten kommunizieren miteinander, als gehörten sie demselben inneren Terrain an. Genau darin liegt die Kraft dieses Bildes: Es zeigt keine Landschaft, sondern einen seelischen Zustand, den jeder kennt, der schon einmal wach lag, während die Welt schlief.
„Geisterstunde am See“ ist ein Bild über Übergänge, über das Loslassen des Tages, das Aufsteigen des Unbewussten und die stille Wahrheit, die nur im Halbdunkel erscheint. Es lädt nicht zur Erklärung ein, sondern zur Resonanz. Wer sich darauf einlässt, spürt: Hier schaut nicht jemand auf einen See, hier schaut der See zurück.