Dieses Bild ist eine Einladung. Eine Einladung, innezuhalten, näherzutreten und sich an etwas zu erinnern, das älter ist als Sprache. „Putschas am Heiligen Abend beim Heiligtum der Waldfee“ öffnet einen Raum jenseits des Alltäglichen und verdichtet ihn auf wenige Quadratzentimeter zu einem ikonischen Moment von Magie, Schwelle und innerer Einkehr.
Im Zentrum schwingt – sichtbar und doch fast hörbar – die Glocke. Sie ist kein Dekor, sie ist ein Ruf. Ein leiser, archetypischer Klang, der nicht durch die Luft geht, sondern durch das Bewusstsein. Glocken markieren Übergänge: von profan zu heilig, von außen nach innen, von Lärm zu Lauschen. Hier erklingt sie nicht für die Welt, sondern für jene, die bereit sind, zu hören.
Um sie herum liegen Blätter wie Gaben, Spuren eines vergangenen Zyklus, warm leuchtend in Rot, Gelb und Orange. Sie erzählen von Vergänglichkeit und gleichzeitig von Bewahrung. Nichts ist verloren, alles ist verwandelt. Der dunkle, erdige Grund hält diese Farben nicht gefangen, sondern trägt sie, wie der Wald das Fallende trägt. Es ist der Moment kurz vor der Erneuerung, der Atemzug zwischen Ende und Anfang.
Die Waldfee selbst erscheint nicht als Figur und gerade darin liegt ihre Kraft. Sie ist Präsenz ohne Körper, Geist ohne Form. Das Heiligtum ist kein gebauter Ort, sondern entsteht aus Aufmerksamkeit, Hingabe und Stille. Hier wird deutlich: Das Heilige ist kein Ort, den man betritt, es ist ein Zustand, den man zulässt.
Die Materialität des Werkes verstärkt diese Botschaft mit Nachdruck. Acrylpaste schafft Relief, Widerstand, Erdung. Sie erinnert an Rinde, an verkrustete Erde, an Spuren von Zeit. Der Glitter ist kein Schmuck, sondern flüchtiges Licht wie Tau, wie Sternenstaub, wie ein kurzes Aufblitzen des Unsichtbaren im Sichtbaren. Und der Inkjetdruck auf Spezialleinen macht das Bild zu einem Grenzgänger: zwischen Malerei und Objekt, zwischen Realität und Erinnerung, zwischen Jetzt und Mythos.
Dieses Werk wirkt wie ein Fundstück aus einer anderen Zeit, ein Relikt eines Rituals, das nie ganz verschwunden ist. Putscha erscheint dabei als vermittelnde Kraft, als Wesen zwischen den Welten, als stiller Hüter des Übergangs. Nicht laut, nicht erklärend, sondern achtsam, präsent, wach.
Am Ende bleibt kein fertiger Sinn, sondern eine Empfindung. Dieses Bild will nicht verstanden werden, es will gespürt werden. Es erinnert uns daran, dass gerade in der dunkelsten Nacht ein Licht antwortet, wenn wir still genug werden, um es wahrzunehmen. Und dass Magie dort beginnt, wo wir aufhören zu suchen und anfangen zu lauschen.