Kalenderblatt
7. Juni

Das tägliche Geblubber eines indischen Pseudo-Heiligen in Nepal

Kalenderblatt vom 07. Juni
„Das tägliche Geblubber eines indischen Pseudo-Heiligen in Nepal“
„The daily bullshit of an indian pseudosaint in Nepal“
„La palabrería diurna de uno seudo-santo indio en Nepal“

Tusche auf Bambuspapier ca. 21 x 15 cm

Hoch oben in den Hügeln Nepals, dort, wo die Gebetsfahnen im Wind flatterten und die Wolken manchmal tiefer hingen als die Dächer der Häuser, lebte ein Mann, der sich selbst „Erleuchteter Meister der siebenundzwanzig kosmischen Frühstücksebenen“ nannte. Er war aus Indien gekommen, trug einen gewaltigen Turban, zwölf Mala-Ketten und eine Miene, als hätte er persönlich die Geheimnisse des Universums erfunden.

Jeden Morgen setzte er sich auf einen großen Stein vor seinem Haus. Kaum war die Sonne über die Berge gestiegen, begann sein tägliches Ritual. Mit geschlossenen Augen hob er die Arme in die Luft und sprach in langen, verschlungenen Sätzen über Energien, Schwingungen, Sternentore, dimensionsübergreifende Kichererbsen und die spirituelle Bedeutung von linken Sandalen.

Die Menschen im Dorf nannten seine Vorträge heimlich „das tägliche Geblubber“.

Seine Worte wirbelten durch die Luft wie die schwarzen und roten Linien auf einem unsichtbaren Blatt Papier. Sie drehten sich umeinander, bildeten Spiralen, Schleifen und Knoten. Wer ihm zuhörte, hatte oft das Gefühl, mitten in einem Sturm aus Worten zu stehen, der nirgendwo begann und nirgendwo endete.

„Wenn die transgalaktische Kokosnuss des Bewusstseins ihre Frequenz auf den fünften Lotus der inneren Resonanz abstimmt“, verkündete er feierlich, „dann öffnet sich das Portal der universellen Synchronizität!“

Die Dorfbewohner nickten höflich.

Niemand verstand auch nur ein Wort.

Eines Tages saß am Rand der Versammlung ein kleiner Junge namens Tenzin. Er hörte lange zu, kratzte sich schließlich am Kopf und fragte: „Meister, wenn du so viel weißt, warum bist du dann nie glücklich?“

Mit einem Schlag verstummte das Geblubber.

Die Worte, die sonst wie aufgescheuchte Vögel durch die Luft kreisten, schienen plötzlich zu Boden zu fallen.

Der Meister blinzelte.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ihm jemand keine ehrfürchtige Frage gestellt, sondern eine einfache.

Der Junge zeigte auf die Berge. „Die Hirten lachen. Die Frauen am Brunnen lachen. Selbst die Hunde wirken zufrieden. Aber du redest jeden Tag stundenlang und siehst dabei aus, als hättest du Zahnschmerzen.“

Ein leises Kichern ging durch die Menge.

Der Meister wollte antworten. Doch statt einer langen Rede kam nur ein einzelnes Wort heraus:

„Hm.“

An diesem Abend konnte er nicht schlafen. Die Frage des Jungen drehte sich in seinem Kopf wie eine rote Spirale zwischen tausend schwarzen Linien. Er erinnerte sich daran, warum er einst aufgebrochen war. Nicht um bewundert zu werden. Nicht um Menschen zu beeindrucken. Sondern um das Leben zu verstehen.

Am nächsten Morgen versammelte sich das Dorf erneut.

Alle warteten auf das gewohnte Geblubber.

Doch der Meister setzte sich schweigend auf seinen Stein.

Eine Minute verging.

Dann zwei.

Dann zehn.

Die Dorfbewohner wurden unruhig.

Schließlich lächelte der Mann und sagte: „Heute habe ich nichts zu verkünden.“

„Warum nicht?“, fragte Tenzin.

Der Meister blickte in die Ferne, wo die ersten Sonnenstrahlen die Schneegipfel vergoldeten.

„Weil ich heute zum ersten Mal zugehört habe.“

Niemand sprach mehr.

Man hörte nur den Wind in den Gebetsfahnen, das ferne Läuten einer Glocke und das Murmeln eines kleinen Baches.

Und plötzlich begriffen die Menschen etwas Seltsames: Die Stille sagte mehr als alle Worte der vergangenen Jahre zusammen.

Seit diesem Tag hielt der ehemalige Pseudo-Heilige keine großen Reden mehr. Manchmal saß er einfach vor seinem Haus, trank Tee und betrachtete die Berge. Wenn Besucher nach den Geheimnissen des Universums fragten, lächelte er nur und antwortete:

„Je mehr das Wasser blubbert, desto flacher ist oft der Bach. Die tiefsten Quellen aber fließen still.“

Und so wurde aus dem Meister der großen Worte schließlich ein Schüler der Stille, und das war vermutlich die erste wirklich weise Entscheidung seines Lebens.

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7. Juni

Kalenderblatt 7. Juni

Das Kalenderblatt zum 07. Juni
„Wo die Nacht das Licht gebiert“
„Where the Night Gives Birth to the Light“
„Donde la noche da a luz la luz“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

„Wo die Nacht das Licht gebiert“ ist ein Bild über den geheimnisvollen Augenblick, in dem Gegensätze einander nicht bekämpfen, sondern hervorbringen. Die dunklen Zonen im oberen Bereich wirken wie die unendliche Tiefe der Nacht, wie ein kosmischer Raum voller ungelöster Fragen, Erinnerungen und Möglichkeiten. Doch ausgerechnet aus dieser Dunkelheit erhebt sich ein breiter Strom aus leuchtendem Goldgelb, kraftvoll, warm und unübersehbar. Es ist, als würde das Licht nicht gegen die Nacht kämpfen, sondern direkt aus ihr geboren werden.

Die raue Struktur der Acrylpaste verleiht dem Werk eine besondere Lebendigkeit. Das Licht erscheint nicht glatt und selbstverständlich, sondern als etwas, das sich seinen Weg bahnt, Schicht für Schicht, Erfahrung für Erfahrung. Jede Unebenheit erzählt von Widerständen, jede Erhebung von Wachstum und Verwandlung. Dadurch wird das Bild zu einer Metapher für menschliche Entwicklung: Die hellsten Erkenntnisse entstehen oft nicht trotz der Dunkelheit, sondern gerade durch sie.

Der goldene Horizont in der Bildmitte erinnert an den ersten Lichtstreifen eines neuen Tages. Er steht für Hoffnung, Aufbruch und das Versprechen eines Neubeginns. Gleichzeitig wirkt er wie ein Tor zwischen verschiedenen Welten, zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Zweifel und Vertrauen. Das Licht wird hier nicht als fertiger Zustand dargestellt, sondern als lebendige Kraft der Transformation.

Der tiefblaue Bereich im unteren Teil des Bildes ergänzt diese Erzählung auf faszinierende Weise. Er wirkt wie ein stilles Meer, ein Raum innerer Tiefe und Sammlung. Während das Gold die Bewegung des Werdens verkörpert, symbolisiert das Blau die Weisheit des Seins. Zwischen beiden Polen entfaltet sich ein Spannungsfeld, das den Betrachter einlädt, über die eigenen Wandlungsprozesse nachzudenken.

Dieses Werk erzählt von einer universellen Wahrheit: Jeder Morgen entsteht aus der Nacht. Jede Erkenntnis wächst aus dem Nichtwissen. Jedes Licht trägt die Erinnerung an die Dunkelheit in sich. Gerade deshalb strahlt das zentrale Goldband eine solche Kraft aus. Es erinnert daran, dass selbst in Zeiten der Orientierungslosigkeit bereits der Keim eines neuen Anfangs verborgen liegt.

„Wo die Nacht das Licht gebiert“ ist damit weit mehr als eine abstrakte Komposition. Es ist eine poetische Meditation über Transformation, Hoffnung und die schöpferische Kraft des Lebens. Das Bild lädt dazu ein, der Dunkelheit nicht mit Furcht zu begegnen, sondern sie als Geburtsraum des Neuen zu erkennen, als jenen geheimnisvollen Ort, an dem das Licht seine ersten Schritte macht.

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