Kalenderblatt
19. Dezember

Im Strudel der Erleuchtung

Kalenderblatt vom 19. Dezember
„Im Strudel der Erleuchtung“
„In the swirl of enlightenment“
„En la vorágine de la iluminación“

Acryl, Acrylpaste, Quarzsand auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

„Im Strudel der Erleuchtung“ öffnet sich als visuelles Initiationsfeld von seltener Dichte. Der Blick wird nicht geführt, sondern unwiderstehlich hineingezogen  in einen kreisenden Blauwirbel, der Bewegung, Tiefe und Auflösung zugleich verkörpert. Dieses Blau ist kein ruhiger Hintergrund, sondern ein aktiver Prozess: ein Strom des Loslassens, der gewohnte Ordnungen zerschmilzt und den Betrachter aus der sicheren Distanz herausholt.

Die Materialität verstärkt diese Wirkung auf eindringliche Weise. Acrylpaste und Quarzsand erzeugen eine spürbare Rauheit, eine Widerständigkeit des Weges, die deutlich macht: Erkenntnis ist kein sanftes Gleiten, sondern ein Durchgang. Erleuchtung zeigt sich hier nicht als Versprechen, sondern als Prüfung, als Bereitschaft, sich vom Strudel erfassen zu lassen, ohne zu wissen, was bleibt.

Im Zentrum des Wirbels leuchtet ein verdichtetes Goldgelb auf. Es wirkt wie ein inneres Sonnenauge, warm, konzentriert, unerschütterlich präsent. Dieses Licht ist nicht laut und nicht triumphierend; es ist still und absolut. Es markiert keinen Endpunkt, sondern einen Zustand reinen Seins, jenen Moment, in dem Denken verstummt und Klarheit zur Erfahrung wird.

Am linken Bildrand zieht sich eine feine, vertikale Goldlinie nach oben. Sie wirkt wie eine Schwelle oder Achse, ein Maßstab zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Bewegung und Bewusstsein. Sie erinnert daran, dass jede Transformation einen Übergang kennt, einen Punkt, an dem Entscheidung möglich wird: Widerstand oder Hingabe.

Der dunkle, ruhende Bogen im unteren Bildbereich verankert das Geschehen. Er steht für Erdung, für das Tragende, für die Notwendigkeit, dass selbst die höchste Einsicht einen Boden braucht, um im Leben wirksam zu werden. Ohne diese Verankerung bliebe Erleuchtung flüchtig; mit ihr wird sie verkörperte Wahrheit.

Dieses Bild verspricht keine schnelle Erhebung und kein spirituelles Abkürzen. Es spricht zu jenen, die bereit sind, Tiefe zuzulassen. „Im Strudel der Erleuchtung“ macht unmissverständlich klar: Erleuchtung ist kein Ziel, das man erreicht,  sie ist ein Prozess, der dich verändert, während du den Mut hast, in ihm zu bleiben.

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Kalenderblatt
19. Dezember

Der Tod des Einsiedlers

Kalenderblatt vom 19. Dezember
„Der Tod des Einsiedlers“
„The death of the anchoret“
„La muerte del anacoreta“

Acryl, Acrylpaste, Ölpastell, Glitter auf Aquarellpapier ca. 15 x 21 cm

„Der Tod des Einsiedlers“ ist kein Bild über das Sterben, es ist ein Bild über das radikale Verschwinden des Getrennten. Was hier stirbt, ist nicht der Körper, sondern die letzte Illusion von Absonderung.

Das alles durchdringende Gelb wirkt zunächst wie Licht, wie Wärme, wie Leben. Doch je länger man schaut, desto klarer wird: Dieses Gelb ist kein freundlicher Tag, sondern eine alles verschlingende Präsenz. Es gibt keinen sicheren Rand, keinen ruhenden Hintergrund. Der Einsiedler ist nicht mehr vor der Welt,  er ist von ihr überholt, überwachsen, zurückgeholt worden. Die schweren Strukturen aus Acrylpaste wirken wie verkrustete Zeit, wie Schichten aus Schweigen, Entbehrung und jahrzehntelanger Innerlichkeit. Linien, die einst vielleicht Wege waren, sind nun verheddert, gebrochen, unlesbar.

Das Weiß des Glitters setzt keinen dekorativen Akzent, es ist das letzte Aufblitzen des Bewusstseins, ein kurzes Aufscheinen an der Schwelle. Kein dramatischer Tod, kein Schrei, kein Pathos. Stattdessen: ein stilles Aufgehen, fast unspektakulär, fast beiläufig. Der Einsiedler wird nicht erlöst – er wird eingezogen. In das Große, das Ununterscheidbare, das schon immer gewartet hat.

Die Spuren von Ölpastell schneiden wie Erinnerungen durch die Oberfläche, fragmentarisch, suchend, ohne Ziel. Sie erzählen von inneren Wegen, von Rückzügen, von der langen Übung des Alleinseins. Doch hier endet diese Übung. Isolation verliert ihre Bedeutung, weil es kein Gegenüber mehr gibt. Das Bild kennt keinen Horizont, keinen Fluchtpunkt. Alles geschieht im selben Raum, zur selben Zeit, im selben Atemzug.

„Der Tod des Einsiedlers“ ist deshalb zutiefst paradox: Je mehr der Einzelne verschwindet, desto totaler wird die Präsenz. Was bleibt, ist keine Leere, sondern eine dichte, vibrierende Ganzheit. Ein Bild über den Moment, in dem Stille nicht mehr Schutz ist, sondern Durchgang. Und über die Erkenntnis, dass man der Welt nicht entkommen kann,  weil man immer schon aus ihr gemacht ist.

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