Kalenderblatt
23. März

Kalenderblatt vom 23. März
„Gaddafis blutiges Dreieck“
„Gaddafi’s bloody triangle“
„El triángulo sangriento de Gaddafi“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Dieses Bild ist ein Schlachtfeld aus Farbe, Geschichte und kollektiver Erinnerung. „Gaddafis blutiges Dreieck“ wirkt wie eine visuelle Explosion politischer Gewalt, ein aufgerissener Moment zwischen Macht, Fall und brutaler Abrechnung.

Der Blick wird unweigerlich in das Zentrum gezogen: das leuchtend rote Dreieck. Es durchschneidet die Komposition wie ein Warnsignal, ein Symbol für Blut, Macht und unausweichliches Schicksal. Dieses Dreieck ist kein ruhiger geometrischer Körper,  es ist eine Wunde im Bildraum, ein Zeichen für die Eskalation eines Systems, das sich selbst zerstört hat. Es steht für den Punkt, an dem Geschichte kippt.

Die umgebenden Farbschichten wirken wie abgetragene Erinnerungen, wie ein Terrain aus Staub, Ruinen und verwischten Identitäten. Grau, Schwarz und erdige Töne dominieren, sie erinnern an zerbombte Städte, zerfallene Ideologien und die Leere nach dem Umbruch. Genau das spiegelt die Realität des libyschen Bürgerkriegs wider, der 2011 zum Sturz von Muammar Gaddafi führte, einem Herrscher, der über vier Jahrzehnte an der Macht war und schließlich in einem Akt brutaler Gewalt getötet wurde .

Die wilden, fast chaotischen Pinselspuren erzählen von Kontrollverlust. Hier wird nichts mehr gelenkt, alles entlädt sich. Das entspricht dem historischen Moment: Gaddafi wurde nach seiner Gefangennahme misshandelt und schließlich erschossen, ein Tod, der weltweit als Symbol für die rohe, ungefilterte Gewalt eines zusammenbrechenden Regimes gilt . Genau diese Entgrenzung von Ordnung und Moral scheint im Bild eingeschrieben zu sein.

Zwischen den Farbschichten tauchen Fragmente von Gelb und Blau auf, fast wie Überreste von Hoffnung oder Ideologie. Doch sie sind übermalt, verschmiert, gebrochen. Nichts bleibt rein, nichts bleibt intakt. Das Bild sagt: Jede Utopie, jede Vision kann im Strudel von Macht und Gegengewalt zerfallen.

Und dann ist da die Struktur selbst, die raue Oberfläche der Acrylpaste, die wie aufgerissene Erde wirkt. Sie verleiht dem Werk eine körperliche Dimension: Man spürt förmlich die Gewalt, die sich in die Materie eingeschrieben hat. Es ist nicht nur ein Bild über Geschichte, es ist ein Bild, das Geschichte verkörpert.

„Gaddafis blutiges Dreieck“ ist damit mehr als eine politische Anspielung. Es ist eine existenzielle Aussage über Macht:
Dass sie sich verdichtet.
Dass sie eskaliert.
Und dass sie am Ende – unausweichlich – in sich selbst zerbricht.

Dieses Werk zwingt den Betrachter, sich nicht nur an ein historisches Ereignis zu erinnern, sondern sich der unangenehmen Wahrheit zu stellen: Gewalt ist kein Ausbruch, sie ist oft das Endprodukt eines Systems, das zu lange unkontrolliert gewachsen ist. Und genau in diesem Moment, eingefangen im roten Dreieck, wird Geschichte zur offenen Wunde.

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Kalenderblatt
23. März

Traumstadt

Das Kalenderblatt zum 23. März
„Traumstadt“
„Dream City“
„Ciudad de los sueños“

Acryl, Glitter und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Die Stadt erschien nicht auf Karten. Man konnte sie nicht suchen, nicht finden, nur hineingeraten, wenn der Moment zwischen Wachen und Träumen dünn wurde wie ein Atemzug im Winter.

In jener Nacht geschah es.

Er ging durch eine Tür, die am Abend noch nicht existiert hatte, eine schmale Spalte zwischen zwei Gedanken  und trat hinaus in ein flirrendes Geflecht aus Farben, Formen und Erinnerungen. Vor ihm erhob sich die Traumstadt: Häuser, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie aus Licht oder aus Materie bestanden, Straßen, die sich wie lebendige Linien umeinander wanden, und Fenster, hinter denen keine Räume lagen, sondern Gefühle.

Alles pulsierte.

Blau vibrierte wie ein leiser Gesang, Gelb flackerte wie flüchtige Erkenntnisse, und Rot zog sich wie Spuren längst vergessener Entscheidungen durch die Wände. Nichts war fest, nichts war endgültig  und doch hatte alles eine unerschütterliche Wahrheit in sich.

Er ging weiter.

Unter seinen Füßen veränderte sich der Boden bei jedem Schritt. Mal war er rau wie alte Erinnerungen, mal weich wie Hoffnung. Linien kreuzten sich, verloren sich, fanden sich wieder, wie Wege, die nie gegangen wurden und doch existierten. Über ihm spannte sich kein Himmel, sondern ein Geflecht aus Möglichkeiten, das in tausend Richtungen zugleich führte.

Dann sah er sie.

Mitten in diesem lebendigen Chaos stand eine Form, halb Tor, halb Wesen, gezeichnet in fließenden Linien, als wäre sie gerade erst entstanden, oder würde im nächsten Moment verschwinden. Sie wartete.

„Du bist also gekommen“, sagte sie, ohne zu sprechen.

Er wusste nicht, woher er die Antwort nahm, doch sie war bereits in ihm: „Ich habe dich gesucht.“

Ein leises, kaum sichtbares Flimmern ging durch die Stadt. Die Farben verdichteten sich, als lauschten sie.

„Niemand sucht die Traumstadt“, erwiderte die Gestalt. „Man wird von ihr gerufen.“

Er spürte, wie sich etwas in ihm öffnete, ein Raum, den er lange verschlossen gehalten hatte. Bilder stiegen auf: verpasste Chancen, ungelebte Leben, Worte, die nie ausgesprochen wurden. Und plötzlich verstand er, dass diese Stadt nicht außerhalb von ihm existierte.

Sie war sein Innerstes, sichtbar geworden.

Jeder Farbstrich war ein Gedanke, jede Schicht ein Gefühl, jede Linie ein Versuch, sich selbst zu begreifen. Die scheinbare Unordnung war kein Chaos, sie war Wahrheit in Bewegung.

„Warum bin ich hier?“ fragte er.

Die Gestalt schimmerte, als würde sie sich neu zusammensetzen.

„Um zu sehen“, antwortete sie. „Und vielleicht… um zu erinnern.“

In diesem Moment begann die Stadt sich zu verändern. Die Linien wurden klarer, die Farben tiefer. Nicht ruhiger, aber bewusster. Er erkannte Muster, wo vorher nur Überlagerung gewesen war. Verbindungen, wo vorher nur Zufall schien.

Und dann verstand er das größte Geheimnis der Traumstadt:

Sie war niemals fertig.

Sie wuchs mit jedem Gedanken, veränderte sich mit jedem Gefühl, zerfiel und entstand zugleich, ein ewiges Werden. Und jeder, der sie betrat, hinterließ Spuren, die sich in ihr einwebten.

„Kann ich bleiben?“ fragte er leise.

Ein sanftes Leuchten umhüllte ihn.

„Du bist nie fort gewesen.“

Als er die Augen öffnete, war die Tür verschwunden.

Doch etwas war geblieben.

In ihm leuchtete noch immer dieses vibrierende Geflecht aus Farben und Möglichkeiten  und er wusste, dass er jederzeit zurückkehren konnte.

Nicht indem er suchte.

Sondern indem er sich erinnerte, dass auch in ihm eine Stadt existierte, die darauf wartete,  gesehen zu werden.

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