
Kalenderblatt vom 11. März
“Er ging doch nur Zigaretten holen …”
“He just went out to get cigarettes …”
“Iba solamente a comprar cigarrillos …”
Acryl, Acrylpaste, Permanentschreiber auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
Der Titel trifft wie ein beiläufig hingeworfener Satz, der plötzlich eine ganze Lebensgeschichte öffnet: „Er ging doch nur Zigaretten holen …“. Was harmlos klingt, trägt in Wirklichkeit den bitteren Beigeschmack von Verlassenwerden, von einem Verschwinden ohne Rückkehr. Das Bild wirkt wie die emotionale Spur dieses Moments, nicht als erzählte Szene, sondern als innerer Aufruhr, als seelisches Echo.
Die Komposition ist ein vibrierendes Geflecht aus Gelb, Blau, Grau und Rot. Besonders das leuchtende Gelb breitet sich wie ein nervös flackerndes Licht über die Fläche aus. Es wirkt gleichzeitig warm und verstörend, wie eine Erinnerung, die noch glüht, obwohl die Hoffnung längst erkaltet ist. In dieses Feld aus Energie und Unruhe schneiden dunklere Formen hinein, Fragmente, Spuren, Linien, als hätte jemand versucht, Ordnung in ein plötzlich zerbrochenes Gefüge zu bringen.
Im rechten Bildbereich verdichtet sich die Form zu einer organischen, rot gezeichneten Gestalt. Sie erinnert an einen Körper, vielleicht auch an ein Herz, vielleicht an eine verletzliche Figur, die sich zusammenzieht. Das Rot pulsiert wie ein offengelegtes Gefühl, roh und ungeschützt. Die Linien des Permanentschreibers wirken fast wie Narben oder hektische Gedankenspuren, als würde das Bild selbst versuchen zu verstehen, was geschehen ist.
Die Collageelemente und die aufgerissenen Strukturen verstärken diesen Eindruck. Nichts scheint vollständig, nichts endgültig. Alles ist Fragment, wie Erinnerungen, die sich nicht mehr zu einer klaren Geschichte zusammensetzen lassen. Die Formen schweben, kippen, überlagern sich, als hätte der Moment des Wartens die Realität selbst aus der Balance gebracht.
Dabei liegt in der Arbeit eine eigentümliche Spannung zwischen Chaos und Bewegung. Die diagonalen Formen, die energischen Farbflächen und die rauen Strukturen erzeugen Dynamik. Es wirkt, als sei hier nicht nur Schmerz sichtbar, sondern auch ein Prozess. Ein inneres Ringen zwischen Verlust und Selbstbehauptung.
So wird das Bild zu mehr als einer Szene des Verlassenseins. Es ist eine poetische Verdichtung eines universellen Moments: Wenn jemand geht, scheinbar nur für einen Augenblick, und plötzlich ein ganzes Leben in der Schwebe hängt.
Und vielleicht liegt genau darin seine Kraft: Das Bild erzählt nicht vom Gehen des anderen, sondern vom Erwachen der eigenen inneren Landschaft, die in diesem Moment sichtbar wird.