Kalenderblatt
4. Mai

Kalenderblatt vom 04. Mai
“Mondaufgang bei blauem Himmel”
“Moonrise during blue sky”
“Salida de la luna durante cielo azul”

Aquarell auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Es war einer jener Abende, an denen die Welt offensichtlich einen Fehler im gewohnten Ablauf gemacht hatte. Der Himmel hätte sich längst verdunkeln müssen, hätte in sein übliches Schwarz kippen sollen, in jenes ernste Nachtgewand, das den Menschen sagt: Nun ist Ruhe, nun ist Ende, nun schweigt alles. Doch an diesem Tag geschah etwas Seltsames. Der Himmel blieb unerklärlich blau, tief, weit und fast durchscheinend, als hätte jemand vergessen, die Farbe des Tages zurückzunehmen. Und genau in diese blaue Unendlichkeit stieg der Mond empor, groß, rund, gelb und so präsent, als wolle er nicht nur leuchten, sondern sprechen.

Am Rand einer kleinen Lichtung standen zwei Tannen. Sie waren seit Jahrzehnten dort verwurzelt, kannten jeden Wind, jede Jahreszeit, jede Nacht und jeden Sonnenaufgang. Sie hatten Stürme überlebt, Frost getragen und die Geräusche der Welt in ihren Nadeln gesammelt. Doch was sie an diesem Abend sahen, hatten selbst sie noch nie erlebt. Ein Mondaufgang bei blauem Himmel. Kein Zwielicht, kein Nebel, kein dunkler Schleier. Nur dieses intensive Blau, in dem die gelbe Scheibe des Mondes wie eine geöffnete goldene Tür hing.

Die linke Tanne, etwas schmaler und stiller, rauschte leise mit ihren Zweigen. „Siehst du das auch?“, fragte sie die rechte, die breiter gewachsen war und sich gewöhnlich nicht so leicht beeindrucken ließ. Die rechte Tanne schwieg zunächst. Denn manchmal gibt es Erscheinungen, für die selbst alte Bäume keine sofortigen Worte finden. Schließlich antwortete sie: „Ja. Aber ich glaube, das ist kein gewöhnlicher Mond. Das ist ein Besucher.“

Und tatsächlich wirkte er nicht wie jener ferne Himmelskörper, den die Menschen nur romantisch besingen oder mit Kalenderdaten berechnen. Dieser Mond hatte etwas Absichtsvolles. Er stand nicht nur am Himmel, er schien auf die Erde herabzusehen, als suche er jemanden. Sein Licht war weich, aber eindringlich. Es war kein kaltes Silberlicht der Nacht, sondern ein warmes Gold, das die beiden Tannen an den Spitzen berührte und ihre grünen Nadeln in ein geheimnisvolles Schimmern tauchte. Jeder Ast schien plötzlich ein klein wenig bewusster zu werden. Jeder Schatten bekam Tiefe. Selbst die Luft zwischen den Bäumen begann zu flimmern, als läge darin eine Botschaft, die man nicht lesen, sondern nur fühlen konnte.

Unten im Dorf bemerkten die Menschen zunächst nichts. Sie saßen beim Abendbrot, blickten auf Bildschirme, diskutierten über Rechnungen, Wetterberichte und Kleinigkeiten des Tages. Nur ein kleines Mädchen, das am Fenster stand, sah hinaus und zog erschrocken die Gardine beiseite. „Mama“, rief sie, „der Mond ist zu früh da!“ Doch ihre Mutter lachte nur und meinte, der Mond komme nie zu früh, er komme immer genau dann, wenn er müsse. Das Mädchen aber blieb am Fenster. Denn Kinder wissen oft noch, wann der Himmel versucht, ein Geheimnis zu verraten.

Auf der Lichtung wurde es stiller. Die beiden Tannen richteten sich unwillkürlich ein wenig auf, als wollten sie dem Gast Respekt erweisen. Der Mond stand nun höher und schien genau zwischen ihnen seinen Platz gefunden zu haben, wie ein goldenes Siegel zwischen zwei grünen Wächtern. Da begriffen die Bäume langsam, dass sie an diesem Abend nicht einfach Zuschauer waren. Sie waren Zeugen. Vielleicht sogar Hüter eines seltenen Moments, in dem sich Tag und Nacht nicht bekämpften, sondern für einen Augenblick beschlossen hatten, gemeinsam sichtbar zu sein.

Denn genau das war das Wunder dieses Bildes: Der Mond hatte den Himmel nicht erobert, er war vom Tag eingeladen worden. Das Blau wich nicht zurück, sondern trug ihn. Das Licht des Tages löschte ihn nicht aus, sondern machte ihn umso geheimnisvoller. Und so entstand jene stille Harmonie, die den Menschen fast nie auffällt: dass Gegensätze nicht immer Krieg führen müssen. Dass Helligkeit und Nacht, Klarheit und Traum, Vernunft und Sehnsucht einander manchmal Platz machen können.

Die rechte Tanne flüsterte schließlich: „Vielleicht ist dies die Stunde, in der die Welt uns zeigen will, dass es mehr gibt als unsere gewohnten Übergänge.“ Die linke Tanne antwortete: „Vielleicht ist dies die Stunde, in der selbst der Himmel sagt: Ihr dürft gleichzeitig wach sein und träumen.“

Und während der Mond weiter stieg, wurde die Lichtung zu einem stillen Tempel aus Farbe und Schweigen. Blau wie die Offenheit des Unendlichen. Gelb wie das uralte Licht der Seele. Grün wie das Leben, das geduldig wartet. Nichts bewegte sich, und doch war alles in einer feinen inneren Bewegung begriffen. Es war, als halte die Natur selbst den Atem an, um diesen seltenen Augenblick nicht zu stören.

Als das kleine Mädchen später einschlief, wusste sie nicht, warum sie so friedlich war. Sie konnte niemandem erklären, weshalb sie plötzlich das Gefühl hatte, dass die Welt größer, freundlicher und geheimer sei als am Morgen. Aber draußen standen noch immer die beiden Tannen, und über ihnen hing noch immer dieser leuchtende Besucher im blauen Himmel. Sie wussten nun, dass sie Zeugen von etwas geworden waren, das nur selten geschieht: einem Augenblick, in dem das Sichtbare und das Unsichtbare gleichzeitig ihre Türen öffnen.

Und seit jener Nacht erzählen die Tannen jedem Wind, der durch ihre Zweige fährt, von diesem sonderbaren Ereignis, von jenem Abend, an dem der Mond nicht in die Dunkelheit stieg, sondern mitten hinein in das Blau des noch wachen Himmels, als wolle er der Erde sagen:
Nicht alles Geheimnis braucht Nacht. Manche Wunder kommen im offenen Licht.

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