
Das Kalenderblatt zum 27. März
“Der Hahn im Grill”
“The cock on the barbecue grill”
“El pollo a brasa”
Monotypie, Acrylauf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Der Hahn hatte immer geglaubt, dass der Morgen ihm gehörte. Mit jedem Krähen riss er die Welt aus dem Schlaf, spannte den Himmel auf wie ein frisch gewaschenes Tuch und ließ das Licht über die Felder laufen. Sein Gefieder war kein gewöhnliches, es glühte in flammendem Rot, durchzogen von goldenen Adern, als hätte die Sonne selbst ihn einst berührt und nie wieder losgelassen.
Doch an diesem Tag war etwas anders.
Die Luft war schwer, geladen wie vor einem Gewitter, und statt des gewohnten kühlen Morgentaus lag ein seltsamer, warmer Atem über dem Hof. Der Hahn spürte es zuerst in seinen Krallen, dann in seiner Brust: Ein Ziehen, ein Rufen, nicht nach oben, sondern nach innen.
Er krähte. Lauter als je zuvor.
Doch das Echo blieb aus.
Stattdessen begann die Welt zu flackern. Die Farben lösten sich, Rot wurde zu Glut, Gelb zu flüssigem Licht, und der Boden unter ihm verwandelte sich in ein brodelndes Feld aus Bewegung. Der Hahn wollte fliehen, wollte sich erheben, doch seine Flügel wurden schwer, als seien sie plötzlich aus Feuer geformt.
„Ist das noch mein Morgen?“ dachte er.
Dann begriff er.
Er war nicht mehr der Rufer des Tages. Er war selbst zum Feuer geworden.
Die Linien seines Körpers zerflossen, sein stolzer Kamm wurde zur lodernden Flamme, seine Federn zu Zungen aus Hitze, die sich ausbreiteten, sich verzehrten und neu erschufen. Es war kein Schmerz, vielmehr eine radikale Verwandlung, ein Übergang von Form zu Energie.
Und plötzlich sah er es:
Nicht der Grill war sein Ende.
Der Grill war sein Portal.
Hier, im Schmelzpunkt zwischen Leben und Auflösung, wurde er zu etwas Größerem. Nicht mehr gebunden an den Hof, nicht mehr an den Rhythmus von Tag und Nacht. Er war das Prinzip des Anfangs selbst, das lodernde „Jetzt“, das alles durchdringt.
Die Welt um ihn herum begann zu antworten. Das Rot pulsierte, das Gelb tanzte, das Violett zog sich zurück wie ein Schatten, der wusste, dass er hier nichts mehr zu sagen hatte. Alles war Bewegung. Alles war Wandlung.
Und inmitten dieses infernalischen Tanzes, dort, wo Form und Auflösung sich berührten, war der Hahn, nicht mehr als Tier, sondern als Zustand.
Ein letztes Mal, so schien es, erhob sich seine Stimme.
Doch es war kein Krähen mehr.
Es war ein Knistern, ein Flammenrauschen, ein kosmisches Atmen.
Und wer genau hinhörte, konnte darin eine Botschaft erkennen:
Alles, was brennt, vergeht nicht, es verwandelt sich.