
Das Kalenderblatt zum 26. März
“Tanz der Schemen”
“Dance of the Shadows”
“Danza de las Sombras”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
Es begann in einem Moment, in dem niemand mehr genau sagen konnte, ob es noch Tag war oder bereits Nacht. Die Welt hatte ihre Konturen verloren, als hätte jemand beschlossen, die Realität selbst mit groben, fließenden Pinselstrichen neu zu erfinden. In diesem Zwischenraum, dort wo Farben zu Gefühlen werden und Formen zu Erinnerungen zerfließen, begann der Tanz der Schemen.
Zuerst war da nur ein Flirren, ein unruhiges Zittern aus Gelb und Weiß, wie ein Licht, das sich selbst nicht mehr sicher war. Dann traten sie hervor. Schemen, die keine Körper hatten und doch voller Bewegung waren. Sie erschienen nicht plötzlich, sondern sickerten in die Wahrnehmung, wie Gedanken, die man nicht gerufen hat und die doch da sind.
Einer von ihnen war rot, nicht einfach rot, sondern ein pulsierendes, lebendiges Rot, das wie ein Herz schlug. Er bewegte sich nicht im Raum, sondern durch ihn hindurch, hinterließ Spuren, die sich sofort wieder auflösten. Ein anderer war blau, tief und geheimnisvoll, wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Zwischen ihnen spannte sich ein unsichtbares Band, eine Spannung, die mehr fühlbar als sichtbar war.
Und dann begann es.
Ein Tanz ohne Musik und doch voller Rhythmus.
Die Schemen kreisten, stießen sich ab, fanden wieder zueinander. Sie verschmolzen kurz zu etwas Größerem, nur um sich im nächsten Augenblick wieder zu verlieren. Gelbe Lichtbahnen brachen durch das Geschehen, wie Erinnerungen an Klarheit, an Ordnung, doch sie hielten nicht stand. Alles war in Bewegung, alles war Übergang.
Es war kein Tanz der Freude. Und auch keiner der Trauer.
Es war der Tanz des Dazwischen.
Der Tanz all jener Dinge, die nie ausgesprochen wurden.
Der Tanz der Gedanken, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie bleiben oder gehen.
Der Tanz der Identitäten, die sich ständig neu erfinden müssen.
Ein Beobachter, wenn es überhaupt einen gab, hätte vielleicht Angst empfunden. Oder Faszination. Vielleicht beides gleichzeitig. Denn in diesem wilden Geflecht aus Farbe und Energie lag eine Wahrheit verborgen: Dass nichts fest ist. Dass alles sich verwandelt. Dass selbst das Chaos eine eigene, unergründliche Ordnung besitzt.
Plötzlich, für einen kaum messbaren Augenblick, hielten die Schemen inne.
Nicht weil der Tanz beendet war, sondern weil er einen neuen Anfang suchte.
Das Rot verblasste leicht, das Blau zog sich zurück, das Gelb flackerte wie eine Erinnerung, die zu entgleiten droht. Und in diesem kurzen Innehalten wurde spürbar, dass dieser Tanz niemals endet. Er verlagert sich nur. Von der Leinwand in den Betrachter. Von der Farbe in das Bewusstsein.
Und vielleicht, ganz leise, begann der Tanz genau dort von Neuem.