Kalenderblatt
13. April

Abendspaziergang

Das Kalenderblatt zum 13. April
“Abendspaziergang”
“Evening stroll”
“Paseo de la tarde”

Aquarell, Pastellkreide und Acrylpaste
auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Es war einmal ein schmaler, kaum sichtbarer Pfad, der sich durch ein Land zog, das nur in der Dämmerung erwachte. Tagsüber schien es unscheinbar, beinahe vergessen, doch sobald die Sonne begann, sich hinter den Horizont zu neigen, öffnete sich eine Welt zwischen den Welten.

An genau einem solchen Abend machte sich ein Wanderer auf den Weg. Niemand wusste, woher er kam, und selbst er konnte es nicht mehr genau sagen. Sein Herz war schwer von Fragen, doch seine Schritte wurden von einer leisen Sehnsucht geführt, als würde ihn etwas rufen, das er längst kannte.

Der Himmel über ihm glühte in tiefem Rot und warmem Gold, als hätte jemand die Luft selbst in flüssiges Licht verwandelt. Der Boden schimmerte, und plötzlich bemerkte der Wanderer etwas Ungewöhnliches: Zwei leuchtende Felder erschienen vor ihm , eines in sanftem Gelb, das andere in geheimnisvollem Grün. Sie lagen wie Inseln im Strom der Farben, pulsierend, lebendig.

Zögernd trat er näher.

Als sein Fuß das gelbe Leuchten berührte, durchströmte ihn eine Wärme, die er lange nicht gespürt hatte. Er erinnerte sich, an Kindheit, an unbeschwerte Tage, an das Lachen, das aus seinem Innersten kam. Das Licht flüsterte: „Hier liegt, was dich genährt hat.“

Doch noch bevor er verweilen konnte, zog ihn das grüne Feld an. Es war kühler, tiefer, stiller. Als er es betrat, wurde alles um ihn herum leiser. Er spürte Wachstum, Veränderung, ein Werden, als ob etwas in ihm neu Wurzeln schlug. Das Grün sprach: „Hier liegt, was du noch werden kannst.“

Der Wanderer stand zwischen beiden Welten, zwischen Erinnerung und Möglichkeit, zwischen dem, was war, und dem, was sein könnte. Und zum ersten Mal verstand er, dass er nicht wählen musste, dass beides in ihm lebte.

Da begann sich der Pfad weiter zu öffnen. Die Farben um ihn herum flossen, verbanden sich, tanzten. Das Rot wurde tiefer, das Gold heller, und die beiden Felder verschmolzen zu einem leuchtenden Strom. Er erkannte: Der Weg war kein Ziel, sondern eine Verwandlung. Jeder Schritt war ein Übergang, jeder Atemzug ein Tor.

Mit ruhigerem Herzen ging er weiter, tiefer hinein in die Dämmerung, die nun nicht mehr ungewiss, sondern voller Verheißung war.

Und man sagt, wenn du selbst einmal in der Abendstunde innehältst, wenn der Himmel brennt und die Welt für einen Moment den Atem anhält, dann kannst du ihn sehen, den Wanderer zwischen den Farben, der gelernt hat, dass Vergangenheit und Zukunft sich im Jetzt begegnen.

Und vielleicht, ganz vielleicht, beginnt dann auch dein eigener Abendspaziergang.

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