Kalenderblatt
1. April

Sonnenuntergang an der Wand

Kalenderblatt vom 1. April
“Sonnenuntergang an der Wand”
“Sunset at the wall”
“Puesta del sol al hormazo”

Quarzsand, Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Es war einer dieser Abende, an denen die Welt nicht unterging, sondern sich langsam selbst vergaß.

Die alte Wand stand seit Jahrzehnten am Rand des Dorfes, unscheinbar, bröckelnd, von Wind und Wetter gezeichnet. Niemand schenkte ihr Beachtung, bis zu jenem Tag, an dem ein Kind stehen blieb. Es war kein besonderer Ort, kein Denkmal, kein Ziel. Und doch begann genau hier etwas, das sich nicht erklären ließ.

Als die Sonne tiefer sank, geschah es.

Zuerst war es nur ein Flimmern. Ein leises Aufglühen im Staub der Oberfläche, als hätte die Wand beschlossen, sich zu erinnern. Die Risse begannen zu leuchten, die rauen Strukturen erwachten und plötzlich breitete sich ein goldenes Feuer aus, das nicht verbrannte, sondern erzählte.

Das Kind trat näher.

Es sah keine Wand mehr. Es sah eine Landschaft. Ein Himmel aus brennendem Rot, der sich über ein Feld aus flüssigem Licht spannte. Dazwischen bewegten sich Formen, kaum greifbar, wie Gedanken kurz vor dem Einschlafen. Und in der Mitte, dort, wo das Gold am hellsten pulsierte, öffnete sich etwas.

Nicht sichtbar, nicht greifbar. Aber spürbar.

Ein Übergang.

„Das ist kein Sonnenuntergang“, flüsterte das Kind, ohne zu wissen, warum es sprach. „Das ist ein Tor.“

Die Luft wurde still. Selbst der Wind hielt inne, als würde er zuhören.

Und dann begann die Wand zu antworten.

Nicht in Worten. Sondern in Empfindungen, die sich wie Erinnerungen anfühlten, die man nie erlebt hatte. Von Tagen, die nicht vergangen waren, von Leben, die sich ineinander verschoben, von Momenten, in denen alles gleichzeitig existierte: Anfang und Ende, Licht und Dunkel, Werden und Vergehen.

Das Kind spürte, wie etwas in ihm aufbrach.

Ein inneres Leuchten, das genau dem glich, was vor ihm auf der Wand brannte.

Es verstand plötzlich: Der Sonnenuntergang geschah nicht draußen. Er geschah in ihm.

Und die Wand? Sie war nie einfach nur eine Wand gewesen. Sie war ein Speicher, ein Zeuge, ein stiller Begleiter. Sie hatte gewartet, auf den einen Blick, der nicht nur sah, sondern erkannte.

Langsam begann das Licht zu verblassen. Das Gold zog sich zurück, das Rot wurde wieder zu bloßer Farbe, die Formen zerfielen in Struktur. Die Wand wurde wieder das, was sie immer gewesen war.

Oder zumindest das, was die meisten glaubten.

Das Kind aber ging nicht einfach weiter.

Es drehte sich noch einmal um, sah auf die raue Fläche, und lächelte.

Denn es wusste nun etwas, das man nicht mehr verlernen konnte:

Dass selbst die unscheinbarsten Dinge ein Universum in sich tragen.
Und dass manchmal ein Sonnenuntergang genügt, um es sichtbar zu machen.

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