Archiv der Kategorie: Remastert

Kalenderblatt
28. Mai

Einatmen - Ausatmen - Annähern - Entfernen

Kalenderblatt zum 28. Mai  rot
„Einatmen – Ausatmen – Annähern – Entfernen“
„Inhale – exhale – approximate – depart“
„Inspirar – espirar – aproximarse – alejarse“

Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

„Einatmen – Ausatmen – Annähern – Entfernen“  wirkt wie ein stiller innerer Rhythmus, ein sichtbarer Atem zwischen Nähe und Distanz, zwischen Wärme und Rückzug, zwischen dem Wunsch, sich der Welt hinzugeben, und der Notwendigkeit, sich wieder in sich selbst zurückzunehmen. Die horizontale Linie, die Wasser und Himmel voneinander trennt und zugleich verbindet, wird zu einer feinen Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Empfundenen. Sie steht für jenen schmalen Übergang, an dem Begegnung geschieht: dort, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren.

Die glühenden Orange-, Rot- und Goldtöne im oberen Bildraum tragen eine fast organische Lebendigkeit in sich. Sie erinnern an einen Sonnenaufgang, an Feuer, an Bewegung, aber zugleich auch an den ersten tiefen Atemzug eines neuen Bewusstseins. Hier scheint das Bild zu atmen. Das Einatmen wird spürbar als Annäherung: ein Öffnen, ein Zulassen, ein mutiges Sich-Hinwenden zum Leben. Die Farben dehnen sich aus, fließen ineinander, verlieren ihre starre Form und zeigen, dass alles Lebendige im Wandel geschieht.

Dem gegenüber steht die weiche, ruhige Spiegelung im Wasser. Sie bringt das Ausatmen ins Werk, das Loslassen, das Zurückgleiten, das Entfernen. Doch dieses Entfernen ist kein Verlust. Es ist ein notwendiger Raum, in dem Erkenntnis wachsen darf. Distanz wird hier nicht als Trennung verstanden, sondern als Form von Klarheit. Was sich im Wasser spiegelt, erscheint sanfter, stiller, beinahe entrückt, als würde das Bild sagen: Erst wenn wir einen Schritt zurückgehen, erkennen wir die Tiefe dessen, was uns berührt.

Besonders kraftvoll ist die fast weiße, freie Form im Zentrum des Himmels. Sie wirkt wie ein offener Atemraum, ein Zwischenmoment, eine Unterbrechung im Fluss der Farben. Vielleicht ein Lichtkörper, vielleicht ein Schweigen, vielleicht ein Symbol für den unberührbaren Kern des Seins. Dort, wo alles fließt, bleibt etwas still. Diese helle Leerstelle wird zum Zentrum der inneren Balance, ein Ort, an dem Annäherung und Entfernung sich nicht widersprechen, sondern ergänzen.

Die reduzierte Weite des Horizonts verleiht dem Werk eine fast meditative Dimension. Es schreit nicht, es erklärt nicht, es lädt ein. Zum Hinschauen. Zum Spüren. Zum Atmen. Das Bild entfaltet eine feine Philosophie des Daseins: Wer wirklich leben will, muss lernen, sich zu nähern  und sich wieder zu entfernen. Einatmen. Ausatmen. Halten. Loslassen.

So wird „Einatmen – Ausatmen – Annähern – Entfernen“ zu einer poetischen Reflexion über Beziehung, Bewegung und innere Balance. Ein Werk, das nicht nur eine Stimmung zeigt, sondern einen universellen Lebensrhythmus sichtbar macht zwischen Feuer und Stille, zwischen Spiegelung und Wirklichkeit, zwischen Sehnsucht und Frieden. Es erinnert daran, dass wahre Harmonie nicht im Festhalten liegt, sondern im fließenden Wechsel von Nähe und Weite.

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Kalenderblatt
28. Mai

Morgenwirbel

Kalenderblatt zum 28. Mai
“Morgenwirbel”
„Whirl of the Morning“
„Remolino de la Mañana“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Als die Nacht sich langsam aus den Hügeln zurückzog, begann über dem alten Land ein seltsames Flimmern. Nicht das sanfte Licht eines gewöhnlichen Morgens, sondern ein wirbelndes, goldschimmerndes Erwachen legte sich über Himmel und Erde. Die Menschen nannten dieses Phänomen seit Jahrhunderten den Morgenwirbel, ein geheimnisvoller Atem der Welt, der nur dann erschien, wenn etwas Neues geboren werden wollte.

Tief am Rand eines vergessenen Waldes lebte ein alter Wanderer namens Elion. Er war kein König, kein Magier und kein Held aus großen Legenden. Doch er verstand die Sprache des Windes und konnte hören, wie Farben miteinander flüsterten. An jenem Morgen trat er hinaus auf den feuchten Boden, als der Himmel über ihm in goldenen und violetten Strudeln zu beben begann.

Die Luft wirkte schwer und lebendig zugleich. Es war, als würden unsichtbare Hände Schichten der Dunkelheit abtragen und darunter eine verborgene Welt freilegen. Elion wusste: Der Morgenwirbel war kein Sturm. Er war ein Ruf.

Er folgte ihm.

Mit jedem Schritt durch das hohe Gras veränderte sich die Landschaft. Bäume schienen sich aus Schatten neu zusammenzusetzen, Steine leuchteten matt wie altes Metall, und der Nebel spannte feine Fäden durch die Luft wie zerbrechliche Gedanken. Über ihm wirbelten die Farben wie ein riesiges lebendiges Gewebe, Gold wie Hoffnung, Violett wie Erinnerung, Braun wie die Last vergangener Wege.

Schließlich erreichte Elion eine uralte Lichtung. Dort stand kein Tempel, kein Tor und keine Statue. Nur eine tiefe Spalte in der Erde, aus der ein flimmerndes Leuchten aufstieg. Der Morgenwirbel zog sich spiralförmig über ihm zusammen, als wolle der Himmel selbst in diese Öffnung hinabsteigen.

Da hörte Elion eine Stimme. Sie kam nicht von außen. Sie sprach in seinem Inneren.

„Alles, was zerbrochen scheint, trägt noch den Samen seiner Wandlung in sich.“

Er kniete nieder und berührte die Erde. In diesem Augenblick sah er Bilder seines Lebens: verpasste Wege, stille Verluste, unausgesprochene Worte, unerfüllte Hoffnungen. Doch statt Schmerz empfand er etwas anderes, ein tiefes, fast heiliges Verstehen.

Der Wirbel über ihm begann heller zu glühen.

Langsam erkannte Elion, dass der Morgenwirbel nicht gekommen war, um die Welt zu verändern. Er erschien, damit jene, die mutig genug waren hinzusehen, sich selbst verwandeln konnten.

Als die Sonne schließlich vollständig über den Horizont stieg, löste sich das goldene Strudeln auf. Die violetten Schatten verblassten. Die Erde ruhte still.

Doch Elion war nicht mehr derselbe.

Er kehrte nicht als Weiser oder Prophet zurück. Er kehrte als Mensch zurück, der verstanden hatte, dass jeder Morgen ein verborgenes Chaos in sich trägt und dass gerade aus diesem scheinbaren Durcheinander neue Schönheit wachsen kann.

Seitdem erzählten die Bewohner des Landes, dass man in den ersten Lichtzügen des Tages manchmal ein fernes Flimmern über den Feldern sehen könne. Dann sage der Wind leise:

„Fürchte nicht den Wirbel. Oft beginnt genau dort das Erwachen.“

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