Archiv der Kategorie: Remastert

Kalenderblatt
5. Juni

Im Spannungsfeld des Vormonsuns

Kalenderblatt vom 5. Juni
„Im Spannungsfeld des Vormonsuns“
„In the stress field of the pre-monsoon“
„En la área conflictiva del pre-monzón“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Weit im Süden, dort, wo die ersten warmen Winde des Sommers über die Ebenen streichen und die Berge bereits die Feuchtigkeit kommender Regenfälle wittern, lag einst ein Land zwischen Erwartung und Erinnerung. Die Menschen nannten diese Zeit den Vormonsun, jene geheimnisvollen Wochen, in denen noch kein Tropfen gefallen war, aber bereits alles nach Veränderung roch.

In diesem Land lebte ein junger Wanderer namens Tashi. Jeden Morgen blickte er zum Himmel, der sich in seltsamen Farben zeigte. Dunkelblaue Wolkenfelder schoben sich wie uralte Gedanken über das Firmament, während darunter goldene Lichtinseln aufleuchteten, als wollte die Sonne ihre letzten Geschichten erzählen, bevor die Regenzeit begann.

Eines Tages begegnete Tashi einer alten Frau, die am Ufer eines türkisfarbenen Sees saß. Ihr Haar war weiß wie Nebel, und ihre Augen spiegelten den Himmel wider. Sie sprach: „Fürchte nicht die Spannung zwischen Licht und Dunkelheit. Gerade dort entsteht das Neue.“

Tashi verstand ihre Worte zunächst nicht. Doch als er weiterzog, bemerkte er die Zeichen überall. Die schweren Wolken wollten Regen bringen, konnten es aber noch nicht. Die Sonne wollte den Himmel erhellen, wurde aber immer wieder verhüllt. Die Erde sehnte sich nach Wasser, während die Winde bereits von fernen Stürmen erzählten. Alles befand sich im Übergang. Nichts war fertig. Nichts war entschieden.

In der folgenden Nacht schlief Tashi unter einem Felsen. Er träumte von einem gewaltigen Tor aus Gold, das mitten in einem Meer aus Blau stand. Davor lagen rote Terrassen aus Lehm, auf denen unzählige Menschen warteten. Manche blickten voller Hoffnung nach oben, andere voller Angst. Doch das Tor öffnete sich nicht.

Da erschien dieselbe alte Frau aus seinem Traum und sagte: „Das Tor öffnet sich nicht durch Warten. Es öffnet sich durch Vertrauen.“

Als Tashi erwachte, wusste er plötzlich, warum ihn die Tage des Vormonsuns so bewegt hatten. Die Natur zeigte ihm das Geheimnis des Lebens selbst. Jeder Mensch kennt Zeiten, in denen Altes vergeht und Neues noch nicht begonnen hat. Zeiten voller Unruhe, voller Fragen, voller gegensätzlicher Kräfte. Doch genau in diesen Zwischenräumen wächst die Zukunft.

Am Abend des nächsten Tages geschah es. Die ersten Regentropfen fielen auf die trockene Erde. Der Duft des Wassers stieg empor wie ein Gebet. Die Wolken entluden ihre Last, und die Landschaft begann aufzuleben. Blumen öffneten sich, Flüsse erwachten und die Menschen tanzten auf den Feldern.

Tashi aber lächelte nur still. Er wusste nun, dass die größte Kraft nicht im Sturm lag und nicht im Sonnenschein. Sie lag im Spannungsfeld dazwischen, dort, wo Licht und Schatten, Hoffnung und Zweifel, Vergangenheit und Zukunft einander begegnen.

Und immer wenn später die Zeit des Vormonsuns zurückkehrte, stellte er sich an den See und erinnerte sich an die Worte der alten Frau: „Das Neue kündigt sich niemals durch Gewissheit an. Es kommt auf den Flügeln der Spannung.“

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Kalenderblatt
4. Juni

Okzitanische Struktur: Ussat Les Bains

Kalenderblatt vom 4. Juni
„Okzitanische Struktur: Ussat Les Bains“
„Occitan structure: Ussat Les Bains“
„Estructura occitana: Ussat Les Bains“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm

Tief in den Pyrenäen, dort, wo die Berge ihre uralten Geschichten in den Wind flüstern und die Quellen seit Jahrhunderten aus dem Inneren der Erde aufsteigen, liegt das kleine Dorf Ussat-les-Bains. Die Menschen erzählten sich, dass unter seinen Wegen und Felsen nicht nur Wasser fließe, sondern auch Erinnerungen, Erinnerungen an längst vergangene Zeiten.

Eines Abends wanderte ein junger Suchender durch die Täler. Er war weit gereist, weil er gehört hatte, dass man in Ussat-les-Bains nicht nur Heilung für den Körper, sondern auch Antworten für die Seele finden könne. Als die Sonne hinter den Bergen versank, färbte sie die Landschaft in ein tiefes Rot und Orange, als hätte die Erde selbst begonnen zu glühen.

Der Wanderer entdeckte an einem alten Hang eine geheimnisvolle Wand aus Stein. Ihre Oberfläche war von den Jahren gezeichnet, voller Schichten, Risse und verborgener Zeichen. Manche Stellen wirkten wie vergessene Karten, andere wie Gesichter, die aus einer anderen Welt herüberblickten. Je länger er hinsah, desto mehr schien sich die Struktur zu bewegen.

Da trat eine alte Frau aus dem Schatten eines Felsens hervor. Ihr Haar war silbern wie das Wasser der Quellen, und ihre Augen funkelten wie die Sterne über den Bergen. Sie sagte: „Du suchst Antworten, doch Antworten liegen selten an der Oberfläche. Die Erde bewahrt ihre Wahrheit in Schichten, genau wie der Mensch.“

Sie führte ihn zu einer Quelle, deren Wasser leise zwischen den Steinen sang. Dort zeigte sie ihm, wie jede Gesteinsschicht von einer anderen Zeit erzählte: von Feuer und Vulkanen, von Stürmen und friedlichen Sommern, von Verlust und Neubeginn. „Alles bleibt erhalten“, sagte sie. „Nichts verschwindet wirklich. Es verwandelt sich nur.“

Der Wanderer blickte erneut auf die leuchtenden Strukturen des Hanges. Nun erkannte er darin nicht mehr bloß Farben und Formen. Er sah seinen eigenen Weg. Die dunklen Bereiche waren seine Zweifel, die roten Flächen seine Leidenschaft, die hellen Spuren seine Hoffnungen. Und die feinen Linien, die alles miteinander verbanden, waren die unsichtbaren Fäden des Lebens.

Als am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen die Berge berührten, war die alte Frau verschwunden. Doch ihre Worte blieben. Der Wanderer verließ Ussat-les-Bains mit dem Gefühl, etwas Kostbares gefunden zu haben. Nicht die Antwort auf eine einzelne Frage, sondern die Erkenntnis, dass das Leben selbst eine okzitanische Struktur ist: ein Geflecht aus Erinnerungen, Erfahrungen und Wandlungen, in dem jede Schicht ihren Sinn besitzt.

Und noch heute heißt es, dass jene, die mit offenem Herzen nach Ussat-les-Bains kommen, in den Farben der Felsen und im Murmeln der Quellen einen Blick auf ihre eigene Geschichte entdecken können, verborgen, vielschichtig und von einer Schönheit, die erst sichtbar wird, wenn man bereit ist, tiefer zu schauen. Denn unter jeder Oberfläche wartet eine Welt, die erzählt werden möchte.

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