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Kalenderblatt
25. April

Der Mann im Mond ist auf Urlaub

Kalenderblatt vom 25. April
„Der Mann im Mond ist auf Urlaub“
„The man in the moon is on holidays“
„El hombre en la luna tiene vacaciones“

Quarzsand, Acryl, Acrylpaste, Glitter auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Es war eine Nacht, die ihre Ordnung verloren hatte. Der Himmel hing schwer und zerkratzt über der Welt, als hätte jemand mit rußigen Fingern in das Dunkel gegriffen und alle Sterne an die falschen Stellen geschoben. Nur die große gelbliche Scheibe stand da, rund und deutlich, und jeder im Dorf sagte: „Da ist er, der Mann im Mond. Er passt auf, dass die Nächte nicht auseinanderfallen.“ So war es seit Menschengedenken gewesen. Kinder schliefen beruhigt ein, Liebende flüsterten unter seinem Blick ihre Schwüre, und selbst die Schlaflosen hatten das Gefühl, nicht ganz allein zu sein, solange oben jemand saß und mit silbernen Schuhen über den Rand des Mondes baumelte.

Doch in jener Nacht war etwas anders. Die Scheibe leuchtete zwar, aber sie wirkte leer,  wie ein Fenster, hinter dem niemand mehr wohnte. Kein verschmitztes Blinzeln, kein geheimnisvoller Schatten, kein stilles Nicken in Richtung Erde. Nur eine seltsame, fast beleidigte Helligkeit. Alte Frauen stellten ihre Kräutertöpfe vom Fensterbrett, weil sie spürten, dass der Himmel heute ohne Aufsicht war. Die Hunde bellten nicht den Mond an, sondern jaulten in die schwarzen Zwischenräume ringsum. Und der Nachtwächter, der sonst immer pfeifend seine Runde machte, blieb an der Kirche stehen und murmelte: „Der Mann im Mond ist nicht da. Er muss verreist sein.“

Niemand wusste, wie man reagieren sollte, wenn eine uralte Gewissheit plötzlich Ferien machte. Denn wer denkt schon daran, dass auch himmlische Beamte erschöpfen können? Dabei hatte der Mann im Mond seit Jahrhunderten denselben Dienst verrichtet: Ebbe und Flut beaufsichtigen, Träumer inspirieren, Katzen zu nächtlichen Philosophen machen und dafür sorgen, dass verlorene Seelen wenigstens im Dunkeln einen silbrigen Orientierungspunkt fanden. Irgendwann, so erzählt man sich, hatte er einfach seine Leiter an den Mond gelehnt, seinen grauen Mantel ausgezogen, die Schuhe abgestreift und gesagt: „Ich kann die Sehnsucht der Menschen für ein paar Nächte nicht mehr verwalten. Sie ist zu schwer geworden.“ Dann nahm er einen kleinen Koffer aus Sternenstaub und fuhr in Urlaub.

Wohin ein Mann im Mond reist, darüber gibt es nur Vermutungen. Einige meinen, er habe sich an ein warmes Meer gesetzt, irgendwo hinter Saturn, wo die Ringe wie Liegestühle glänzen. Andere behaupten, er liege in einer stillen Nebelmulde zwischen zwei Galaxien und höre einfach nichts – kein Wunschgeflüster, kein Liebeskummer, kein Gebet, keine Mitternachtsfrage. Vielleicht, und das ist die schönste Version, wanderte er unerkannt über die Erde selbst, als alter Herr mit müden Augen, um einmal zu sehen, was die Menschen mit einer Nacht anfangen, in der niemand von oben nach ihnen schaut.

Und tatsächlich geschah in diesen mondlosen Mondnächten etwas Merkwürdiges: Die Menschen wurden unruhig, aber auch ehrlicher. Ohne den stillen Himmelszeugen konnten sie ihre Traurigkeit nicht mehr nach oben delegieren. Die Liebenden mussten sich selbst versprechen, was sie sonst dem Mond anvertrauten. Die Schlaflosen hörten plötzlich ihr eigenes Herz ticken wie eine kleine kaputte Uhr. Kinder fragten: „Wer passt jetzt auf?“  und die Eltern merkten, dass sie keine himmlische Ausrede mehr hatten. Die Nächte wurden dunkler, aber sie wurden auch tiefer. Denn überall begann man zu ahnen: Vielleicht war der Mann im Mond nie nur dazu da, uns Licht zu geben. Vielleicht sollte er uns daran erinnern, dass wir selbst leuchten müssen, wenn er einmal nicht da ist.

Als er Wochen später zurückkam – braungebrannt vom Sonnenwind, mit einem Grinsen voller Sternensplitter und Sand in den Taschen – setzte er sich wieder auf seine gelbe Scheibe, als wäre nichts gewesen. Das Dorf atmete auf, die Hunde schwiegen, die Kräuter durften wieder ans Fenster. Doch seitdem sieht der Mond manchmal ein wenig ironisch aus, fast so, als wüsste er ein Geheimnis über uns. Denn der Mann im Mond hat im Urlaub gelernt, was auch die Menschen gelernt haben: Kein Himmelsposten ist ewig besetzt. Irgendwann muss jede Seele ihren eigenen Nachtdienst übernehmen. Und vielleicht leuchtet der Mond seit jener Zeit nicht heller, sondern nur wissender, als stilles Zeichen dafür, dass selbst kosmische Wächter gelegentlich verschwinden müssen, damit die Erde sich an ihre eigene innere Lampe erinnert.

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Kalenderblatt
25. April

morgenbild250410kl.jpg

Das Kalenderblatt zum 25. April
„Morgenröte“
„Morning Glow“
„Amanecer“

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

„Morgenröte“ ist hier nicht die sanfte Verheißung eines gewöhnlichen Tagesanbruchs, sondern ein elementarer Geburtsmoment von Licht, ein eruptives Sich-ins-Dasein-Schieben der Helligkeit aus den Tiefenschichten einer noch glühenden Nacht. Dieses Bild zeigt keinen Sonnenaufgang im landschaftlichen Sinn, es zeigt den Augenblick, in dem das Dunkel beschließt, nicht länger Herrschaft auszuüben. Aus einem vibrierenden Feld von Rot, Orange, Kupfer und glutartiger Verdichtung steigt eine helle, nahezu kreisförmige Lichtessenz empor, als würde sich im Zentrum der Materie selbst ein neuer Gedanke entzünden. Die Morgenröte ist hier nicht Kulisse, sondern kosmischer Entschluss.

Was dieses Werk so faszinierend macht, ist seine innere Spannung zwischen chaotischer Verdichtung und leuchtender Sammlung. Die aufgewühlten, kratzenden, schichtenden Strukturen im unteren und seitlichen Bereich wirken wie die Erinnerung an eine Nacht voller unruhiger Energien, voller ungelöster Träume, voller sedimentierter Dunkelheiten. Nichts ist glatt, nichts ist abgeschlossen, nichts ergibt sich in gefälliger Harmonie. Und gerade daraus wächst diese helle Scheibe im oberen Zentrum hervor, nicht als dekorative Sonne, sondern als Zeichen dafür, dass jedes Licht eine Überwindung ist. Es ist das Licht, das nicht geschenkt wird, sondern das sich gegen Widerstände behauptet. Die Morgenröte erscheint deshalb in diesem Bild als Sieg der inneren Glut über die Erschöpfung des Vorherigen.

Bemerkenswert ist die fast spirituelle Präsenz dieser Lichtform. Sie scheint zu schweben und zugleich alles um sich herum magnetisch zu ordnen. Der Bildraum richtet sich auf sie aus wie ein Bewusstsein, das nach einer Nacht des Zweifelns plötzlich wieder einen Mittelpunkt findet. Das glühende Rund ist kein natürlicher Himmelskörper allein, es ist ein Symbol für erneuerte Wahrnehmung, für Hoffnung nach innerer Zersplitterung, für den ersten klaren Atemzug einer Seele, die sich wieder erinnert, dass sie leuchten kann. Die Morgenröte wird hier zum psychischen und existenziellen Ereignis: Der neue Tag beginnt nicht draußen am Horizont, sondern im Inneren des Menschen.

Auch die vertikale Linie am linken Rand wirkt wie ein feiner Widerstand, wie eine Grenze zwischen Gestern und Heute, zwischen dem, was festhält, und dem, was sich bereits ins Licht bewegt. Das gesamte Bild ist deshalb ein Transformationsraum. Man spürt in jeder Schicht die Reibung, die notwendig ist, damit Helligkeit Substanz bekommt. Diese Morgenröte ist nicht lieblich, nicht idyllisch, nicht sentimental. Sie ist heiß, kämpferisch, beinahe alchemistisch. Sie trägt noch die Brandspuren der Nacht in sich und genau deshalb besitzt sie Glaubwürdigkeit. Denn wahrer Neubeginn kommt niemals unberührt, er kommt durch die Asche hindurch.

So wird „Morgenröte“ zu einem eindringlichen Sinnbild für jene seltenen Stunden im Leben, in denen sich nach innerer Unruhe, nach Zweifel, nach Erschöpfung plötzlich wieder ein Lichtkern zeigt. Noch ist nicht alles geklärt, noch lodern die Restenergien des Vergangenen, doch etwas Wesentliches hat sich bereits entschieden: Das Licht ist zurück. Und mit ihm jene uralte Gewissheit, dass jeder neue Tag zunächst im Verborgenen entsteht, lange bevor wir ihn mit den Augen sehen können. Dieses Bild macht genau diesen unsichtbaren Moment sichtbar, den Triumph des werdenden Lichtes über die erschöpfte Finsternis.

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