Kalenderblatt
30. September

Aus der Reihe tanzen

Kalenderblatt zum 30. September

“Aus der Reihe tanzen”
“Breaking ranks”
“Saliéndose de la fila”

Acryl, Glitter auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm

Zwei Formen begegnen sich in einem Raum, der an eine Landschaft erinnert und sich doch jeder eindeutigen Wirklichkeit entzieht. Ein heller Horizont durchzieht das Bild. Darüber und davor schweben zwei kreisförmige Körper, als folgten sie einer Ordnung, deren Gesetz wir nicht kennen.

Die große Form zieht den Blick zunächst auf sich. Gelb, Orange und Rot liegen konzentrisch ineinander, wie verschiedene Schichten von Licht, Wärme und Energie. Sie besitzt ein deutliches Zentrum, eine feste Ordnung. Alles scheint auf ihre leuchtende Mitte bezogen.

Doch abseits davon befindet sich eine zweite, kleinere Kugel. Dunkler, unruhiger, von zahllosen glitzernden Partikeln durchsetzt. Sie folgt nicht der klaren Ordnung der großen Kreisform. Sie hat ihren Platz verlassen oder vielleicht ihren eigenen erst gefunden.

Hier beginnt der Titel „Aus der Reihe tanzen“ seine eigentliche Bedeutung zu entfalten.

Denn das Bild erzählt nicht einfach davon, anders zu sein. Es stellt eine viel grundsätzlichere Frage: Was geschieht, wenn etwas eine bestehende Ordnung verlässt?

Die kleine Kugel könnte eine Abweichung sein. Ein Fremdkörper. Etwas, das nicht dorthin gehört. Doch ebenso könnte sie Ausdruck einer neu gewonnenen Freiheit sein. Sie muss nicht länger um dasselbe Zentrum kreisen. Sie darf Abstand gewinnen.

Und gerade in diesem Abstand wird etwas sichtbar.

Während die große Form offen leuchtet, trägt die kleinere ihr Licht auf andere Weise. Der Glitter fängt das Licht in unzähligen winzigen Punkten ein. Was aus der Ferne dunkel erscheint, beginnt aus der Nähe zu funkeln. Das Abweichende besitzt sein eigenes Licht.

Vielleicht liegt darin die stille Spannung dieses Bildes: Individualität entsteht nicht zwangsläufig durch Trennung. Man kann Teil eines größeren Zusammenhangs bleiben und dennoch eine eigene Position einnehmen.

„Aus der Reihe tanzen“ ist deshalb kein Aufruf zur Rebellion. Es ist ein Bild über den Mut zur Eigenständigkeit.

Über jenen Moment, in dem wir aufhören, uns ausschließlich an vorgegebenen Bahnen zu orientieren. Über den Abstand, der notwendig sein kann, um die eigene Gestalt überhaupt erkennen zu können.

Und vielleicht erzählt die kleine glitzernde Kugel am Ende etwas sehr Einfaches:

Man muss nicht dasselbe Zentrum haben, um zu leuchten.

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