Kalenderblatt
19. September

Tag, was willst du von mir?

Kalenderblatt zum 19. September
„Tag, was willst du von mir?“

„O day, what do you want from me?“
„O día, que quieres de mí?“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm

Der Tag beginnt nicht auf einer leeren Fläche. Unter seiner Oberfläche liegen Spuren, Verdichtungen und Verletzungen. Farbe hat sich abgelagert, wurde überdeckt, aufgerieben und wieder freigelegt. Der erdige Grund wirkt wie ein Gedächtnis, in dem Vergangenes noch anwesend ist.

In diesen unruhigen Raum treten vier klare Linien. Eine dunkle Vertikale behauptet ihren Ort. Eine weiße Horizontale öffnet Weite. Gelb fällt schräg durch die Fläche, während Rot eine zweite Bewegung dagegen setzt. Die Linien begegnen einander, kreuzen sich, widersprechen sich und gehen weiter.

Keine von ihnen schafft endgültige Ordnung. Sie könnten Wege sein, Grenzen, Entscheidungen oder Kräfte, die für einen Augenblick sichtbar werden. Gerade weil ihre Bedeutung offenbleibt, entsteht zwischen ihnen ein Raum der Möglichkeit.

Und in diesem Raum steht die Frage:

„Tag, was willst du von mir?“

Gewöhnlich fragen wir, was wir von einem neuen Tag erwarten. Hier kehrt sich die Blickrichtung um. Der Tag selbst wird zum Gegenüber. Nicht wir stellen die Forderung. Etwas tritt uns entgegen und verlangt nach unserer Haltung.

Der strukturierte Grund trägt das Gewesene in sich, während die Linien bereits auf etwas Kommendes verweisen. Dazwischen liegt jener kurze, kaum fassbare Augenblick, in dem noch nichts entschieden ist.

Vielleicht besteht das Anfangen genau darin: nicht sofort eine Antwort zu besitzen, sondern offen zu bleiben für das, was sich zeigt.

Etwas ist bereits gewesen.
Etwas beginnt.
Der Tag wartet auf Antwort.

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