
Kalenderblatt vom 07. September
„Der Tag ertrinkt im Mohnblumenfeld“
„The day drowns in the poppy field“
„El día se ahoga en el campo de amapola“
Aquarell auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm
Auf den ersten Blick könnte dies ein friedlicher Sonnenuntergang sein.
Eine große gelbe Sonne steht tief am Horizont. Vor ihr erhebt sich eine Reihe roter Mohnblumen, während darüber ein Himmel aus Blau, Türkis, Grau, Grün und rötlichen Spuren langsam seine Farbe verändert.
Doch der Titel widerspricht dieser Idylle.
„Der Tag ertrinkt im Mohnblumenfeld.“
Die Sonne geht nicht einfach unter. Sie verschwindet hinter dem Rot, als würde das Blumenfeld sie aufnehmen. Das Rot der Blüten wird dadurch zu mehr als einer Farbe. Es bildet eine Grenze zwischen dem Licht und dem Betrachter.
Dabei bleibt die Landschaft eigentümlich unbestimmt. Es gibt keinen Ort, den man auf einer Landkarte finden könnte. Die Formen lösen sich im Aquarell auf, Farben laufen ineinander, Konturen entstehen und verschwinden wieder.
Vielleicht sehen wir deshalb weniger eine Landschaft als die Erinnerung an eine Landschaft.
So könnte ein Augenblick aussehen, den man vor langer Zeit erlebt hat und dessen Einzelheiten längst verloren gegangen sind. Man erinnert sich noch an das Rot der Blumen. An eine tief stehende Sonne. An einen Himmel, der plötzlich größer erschien als sonst.
Aber man weiß nicht mehr genau, wo es war.
Und vielleicht ist es auch gar keine Erinnerung.
Das Bild besitzt etwas Traumartiges. Die Mohnblumen sind ungewöhnlich groß und stehen beinahe wie Figuren vor dem Licht. Ihre dunklen, schmalen Stängel tragen rote Köpfe, die sich zu einer einzigen bewegten Linie verbinden.
Hinter ihnen scheint die Sonne noch einmal mit aller Kraft aufzuleuchten.
Das Licht ist am stärksten in dem Augenblick, in dem es verschwindet.
Gerade darin liegt eine leise Melancholie. Nicht die dramatische Trauer eines Endes, sondern jenes kaum erklärbare Gefühl, das entstehen kann, wenn ein schöner Moment vorübergeht und wir gleichzeitig wissen, dass wir ihn nicht festhalten können.
Vielleicht erzählt das Bild deshalb gar nicht vom Sonnenuntergang.
Vielleicht erzählt es von Erinnerung.
Davon, wie etwas, das längst vergangen ist, plötzlich wieder auftaucht: nicht vollständig, nicht zuverlässig, sondern als Farbe, Licht und Stimmung.
Das Mohnblumenfeld bleibt.
Die Sonne sinkt dahinter.
Und irgendwo zwischen dem leuchtenden Gelb und dem tiefen Rot verschwindet nicht nur der Tag, sondern auch die Gewissheit darüber, ob wir diesen Ort jemals wirklich gesehen haben.