Kalenderblatt
2. September

Kalenderblatt 2. September

Das Kalenderblatt zum 2. September

„Das Licht hatte das Meer noch nicht erreicht“
“The Light Had Not Yet Reached the Sea”
“La luz aún no había alcanzado el mar”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

Das Meer liegt dunkel unter einem Himmel, der bereits begonnen hat, sich zu verändern.

Fast waagerecht trennt der Horizont die Bildfläche in zwei sehr unterschiedliche Bereiche. Unten verdichten sich dunkles Blau, Grün, Grau und Weiß zu einer schweren, bewegten Wasserfläche. Die Acrylpaste gibt ihr Widerstand und Körper. Kleine helle Spuren tauchen auf wie Lichtreflexe oder Schaumkronen, doch noch behält das Dunkel die Oberhand.

Darüber geschieht etwas völlig anderes.

Violett, Türkis, Weiß, Ocker und Gelb überlagern sich, werden verwischt, aufgerissen und wieder freigelegt. Der Himmel besitzt keine eindeutige Tiefe. Er wirkt zugleich atmosphärisch und materiell, beinahe wie eine alte Wand, auf der unterschiedliche Zeiten ihre Spuren hinterlassen haben.

Und dann ist da dieses Gelb.

Es erscheint nicht als klar umrissene Sonne. Es gibt keinen leuchtenden Kreis, keinen eindeutigen Ursprung. Stattdessen breitet sich das Licht aus, verdichtet sich nahe dem Horizont und steigt in unregelmäßigen Bewegungen nach oben.

Das Licht ist kein Gegenstand. Es ist ein Ereignis.

Gerade darin liegt eine mögliche Korrespondenz zu J. M. W. Turner. In seinen späten Landschaften und Seestücken verlieren Himmel, Wasser und Gegenstände immer wieder ihre festen Grenzen. Licht beschreibt die Welt nicht mehr nur. Es beginnt, sie aufzulösen.

Doch in diesem Bild geschieht beinahe das Gegenteil.

Durch die Acrylpaste bekommt das Licht Körper. Gelb liegt als Spur und Material auf der Fläche. Es scheint nicht nur durch den Himmel zu leuchten, sondern sich seinen Weg durch ihn bahnen zu müssen.

Das Meer darunter bleibt davon merkwürdig unberührt.

Es ist dunkel, aufgewühlt und schwer. Zwar erscheinen einzelne gelbliche Reflexe auf seiner Oberfläche, doch das große Leuchten des Himmels hat es noch nicht erfasst.

Genau hier beginnt der Titel:

„Das Licht hatte das Meer noch nicht erreicht“

Das kleine Wort „noch“ ist dabei entscheidend.

Es macht aus dem Bild einen Augenblick innerhalb eines Geschehens.

Etwas hat bereits begonnen.

Aber es ist noch nicht vollendet.

Vielleicht sehen wir einen Sonnenaufgang. Vielleicht einen Wetterumschwung. Vielleicht einen jener kurzen Momente über dem Meer, in denen Licht und Wolken eine Erscheinung hervorbringen, die wenige Minuten später schon wieder verschwunden ist.

Doch das Bild muss keine bestimmte Landschaft erzählen.

Es zeigt zwei Zustände, die gleichzeitig existieren:

oben das Aufbrechen des Lichts,
unten die Beharrlichkeit des Dunklen.

Und zwischen beiden liegt nur eine schmale Grenze.

Das Licht wird das Meer vielleicht erreichen.

Vielleicht auch nicht.

Das Bild hält genau den Augenblick fest, in dem beides noch möglich ist.

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