Kalenderblatt
25. August

Ingo liebte ein Mädchen in Wannsee, die konnt kein' nackten Mann sehn

Kalenderblatt vom 25. August
„Ingo liebte ein Mädchen in Wannsee, die konnt kein‘ nackten Mann sehn“
„Ingo loved a girl in Wannsee,  who couldn’t look at a naked man“
„Ingo amó a una chica en Wannsee que no podía mirar a un hombre desnudo“

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm

Der Titel stammt aus einem Song von Insterburg & Co. und bringt etwas mit, das in der bildenden Kunst erstaunlich schnell unter Verdacht gerät: Humor.

Noch bevor wir das Bild betrachten, entsteht durch die Textzeile eine kleine absurde Geschichte. Da ist Ingo, da ist ein Mädchen, da ist der Wannsee, und irgendwo in dieser Konstellation scheint ein unbekleideter Mann für gewisse Schwierigkeiten zu sorgen.

Das Bild selbst verweigert jedoch jede Illustration dieser Geschichte.

Kein Ingo. Kein Mädchen. Kein nackter Mann. Und auch der Wannsee ist allenfalls als Möglichkeit vorhanden.

Stattdessen breitet sich ein intensives Blau fast über die gesamte Bildfläche aus. Durch die Acrylpaste wird die Farbe körperlich. Furchen, Erhebungen und Spachtelspuren erzeugen eine bewegte Oberfläche, die an Wasser, Wellen oder Lichtreflexe erinnern kann, ohne tatsächlich Landschaft zu werden.

In diesem Blau erscheinen einige wenige Formen, die sich einer eindeutigen Benennung entziehen.

Zwei goldfarbene Linien durchschneiden die Fläche diagonal und bilden einen offenen Raum. Dazwischen schwebt eine geschwungene Form aus Grün, Rot und Gelb. Ist es ein Boot? Ein Körper? Ein Stück Stoff? Ein seltsames Wasserwesen? Oder einfach eine Farbform, die nur deshalb gegenständlich erscheint, weil unser Blick verzweifelt versucht, aus allem eine Geschichte zu machen?

Links steht eine kleine rot-orange Form auf einem gelblichen Sockel. Auch sie scheint beinahe etwas Bekanntes zu zeigen und zieht sich im nächsten Augenblick wieder in die Abstraktion zurück.

Genau hier begegnen sich Titel und Bild.

Die Songzeile erzählt scheinbar viel zu viel, während das Bild beinahe nichts erklärt. Der Titel erzeugt Figuren, Ort und Handlung. Die Malerei löst all das wieder auf und lässt nur Farbe, Struktur, Bewegung und einige rätselhafte Zeichen zurück.

Aus dieser Spannung entsteht der eigentliche Reiz des Werkes.

Der Betrachter beginnt unwillkürlich zu suchen. Wo ist der Wannsee? Was schwimmt dort? Was haben die goldenen Linien zu bedeuten? Und vor allem: Wo, zum Teufel, ist Ingo?

Vielleicht liegt gerade darin die Pointe.

„Ingo liebte ein Mädchen in Wannsee, die konnt kein’ nackten Mann sehn“ muss nicht entschlüsselt werden. Das Bild erlaubt sich etwas viel Interessanteres: Es lässt eine alberne Songzeile und eine ernsthaft bearbeitete abstrakte Bildfläche nebeneinander bestehen.

Humor wird dabei nicht zum Gegensatz von Kunst, sondern zu einer anderen Möglichkeit, Wirklichkeit zu betrachten.

Und vielleicht genügt es am Ende vollkommen, dass irgendwo zwischen Blau, Gold, Rot und Grün eine Geschichte begonnen hat, deren Fortsetzung jeder Betrachter selbst erfinden darf.

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