
Das Kalenderblatt zum 22 Juli
„Die Nase tropft“
„Running nose“
„Las gotas de la nariz“
Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Es gibt Wüsten, die aus Sand bestehen. Und es gibt Wüsten, die aus Gedanken gebaut sind. Diese hier ist von jener zweiten Art. Die Sonne hat sich verdoppelt, weil eine einzige Wahrheit dem Himmel längst nicht mehr genügte. Die eine Sonne erinnert sich daran, wie alles begann. Die andere hat bereits vergessen, dass es jemals einen Anfang gab. Zwischen beiden hängt eine einsame, schwarze Nase, schwer wie eine reife Birne, und sie vollbringt das Unmögliche: Sie tropft nach oben und nach unten zugleich.
Nicht Wasser verlässt sie. Nicht Schleim, wie es der Titel mit kindlicher Bosheit vermuten lässt. Sie verliert Erinnerungen. Jede Erinnerung fällt lautlos in die Landschaft und verwandelt sich beim Aufprall in einen Hügel, einen Schatten oder einen Horizont. Darum sieht keine Wüste jemals gleich aus. Sie ist nichts anderes als die Landkarte vergessener Träume.
Die Felsen am Horizont stehen dort wie Zuschauer eines Schauspiels, das seit Millionen Jahren dieselbe Pointe wiederholt. Sie lachen nicht. Sie warten. Denn sie wissen, dass eines Tages auch die zweite Sonne zu tropfen beginnt. Dann werden selbst Licht und Zeit ihre festen Konturen verlieren, als wären sie aus flüssigem Bernstein.
Der Vordergrund glüht in Orange und Rot, als hätte jemand den Boden mit den Resten eines Sonnenuntergangs bemalt. Doch dieser Boden ist keine Erde. Er ist die Oberfläche eines schlafenden Gedankens, der davon träumt, endlich Wirklichkeit werden zu dürfen. Jeder Schritt über ihn verändert nicht die Landschaft, sondern den Wanderer selbst.
Die schwebende Nase ist deshalb kein Körperteil. Sie ist das Organ der Fantasie. Während gewöhnliche Nasen Gerüche wahrnehmen, riecht diese Möglichkeiten. Sie erkennt den Duft ungelebter Leben, den Geschmack ungesagter Worte und das Parfum der Zufälle, die nie geschehen durften. Mit jedem Tropfen verschenkt sie eine neue Wirklichkeit an das Universum, das gierig genug ist, alles zu sammeln.
Der Titel ist eine Falle. Wer über eine tropfende Nase lächelt, hat bereits verloren. Das Surreale liebt solche kleinen Gemeinheiten. Es tarnt das Erhabene als Albernheit und versteckt das Unendliche in einer alltäglichen Redensart. Genau dort beginnt die Freiheit der Vorstellungskraft. Denn erst wenn die Vernunft niest, erwacht die Fantasie. Und plötzlich erscheint es vollkommen selbstverständlich, dass zwei Sonnen den Himmel bewohnen, eine Nase zwischen ihnen schwebt und die Welt aus nichts anderem besteht als aus den Tropfen eines kosmischen Traums.