Kalenderblatt
18. Juli

Der Lack ist ab

Kalenderblatt vom 18. Juli
„Der Lack ist ab“
„The paint is off“
„Se quitó la tapadera““

Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 15 x 21 cm

Es begann mit einem Glanz, der alle blendete. Die Mauern waren frisch gestrichen, die Fassaden geschniegelt, die Gesichter geschniegelt noch mehr als die Häuser. Jeder wollte den Eindruck erwecken, unerschütterlich zu sein. Man lackierte Zweifel mit Erfolg, Angst mit Selbstbewusstsein und Einsamkeit mit einem höflichen Lächeln. Für eine Weile funktionierte das erstaunlich gut. Menschen lieben Oberflächen. Sie spiegeln sich darin und nennen das Wahrheit.

Doch Lack besitzt eine unangenehme Eigenschaft: Er altert schneller als das, was er verdecken soll.

Eines Tages begann die Farbe zu reißen. Erst unmerklich, dann unaufhaltsam. Unter der glänzenden Schicht kamen Spuren zum Vorschein, die niemand mehr sehen wollte. Alte Verletzungen. Vergessene Hoffnungen. Narben, die nie wirklich verheilt waren. Das satte Rot wurde zu einer Landschaft aus Erinnerungen, das Schwarz zu den Schatten all jener Entscheidungen, die sich nicht mehr zurücknehmen ließen.

Und dennoch geschah etwas Seltsames.

Je mehr der Lack verschwand, desto lebendiger wurde das Bild.

Zwischen den rauen Schichten erschienen Gestalten, die immer dort gewesen waren. Keine klaren Figuren, sondern Wesen aus Erinnerung und Ahnung. Sie standen schweigend nebeneinander, als hätten sie geduldig darauf gewartet, endlich gesehen zu werden. Niemand konnte sagen, ob sie aus der Vergangenheit kamen oder aus einer Zukunft, die sich erst noch entfalten musste.

Über ihnen schwebte eine goldene Scheibe, vollkommen ruhig, unbewegt von allem menschlichen Theater. Sie war weder Sonne noch Mond. Sie war das, was bleibt, wenn jede Fassade gefallen ist. Der unverlierbare Kern. Das Licht, das nicht gestrichen werden kann, weil es nie auf der Oberfläche lag.

Am unteren Bildrand bricht das Weiß durch die dunklen Schichten wie Nebel über einem verwundeten Land. Es erzählt nicht vom Ende, sondern vom Anfang. Denn dort, wo etwas abblättert, entsteht Raum für etwas Echtes. Nicht makellos, nicht geschniegelt, nicht perfekt, sondern wahr.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Bildes. Nicht alles, was seinen Glanz verliert, verliert auch seinen Wert. Oft beginnt ein Werk erst dann zu sprechen, wenn seine makellose Oberfläche verschwindet. Erst wenn der Lack abgeplatzt ist, erkennt man die vielen Schichten, aus denen ein Leben besteht. Schmerz und Freude, Mut und Scheitern, Hoffnung und Stille liegen dann nicht mehr hinter einer Maske verborgen, sondern nebeneinander wie Farben auf einer Palette.

„Der Lack ist ab“ ist deshalb kein Bild über Verfall. Es ist ein Bild über Befreiung. Es erinnert daran, dass Echtheit niemals geschniegelt daherkommt. Sie trägt Kratzer, Risse und Spuren der Zeit. Gerade darin liegt ihre Schönheit. Denn das Kostbarste am Menschen ist nicht der Glanz seiner Oberfläche, sondern das Gold, das sichtbar wird, wenn nichts mehr verborgen werden muss.

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