
Das Kalenderblatt zum 9. Juli
„Fragmente eines Gartens“
„Fragments of a Garden“
„Fragmentos de un Jardín“
Aquarell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Das Bild erzählt von einem Zustand. Es ist die Erinnerung an eine Landschaft, die sich weigert, vollständig erinnert zu werden. Was einmal ein Garten gewesen sein mag, hat aufgehört, sich an die Regeln botanischer Ordnung zu halten. Übrig geblieben sind Spuren, Farbinseln, Schatten von Pflanzen, ein blauer Kreuzungspunkt, der wie eine unsichtbare Himmelsrichtung mitten durch das Bild verläuft. Alles scheint sich zu begegnen, ohne sich festzuhalten.
Ich male keine Gärten. Ich male das, was ein Garten im Menschen hinterlässt. Jeder Strich ist eine Erinnerung, die sich verändert hat. Jeder Fleck trägt die Geschichte eines Blickes, der zu spät kam oder zu früh verschwand. Die Formen wirken vertraut und entziehen sich doch jeder eindeutigen Benennung. Genau dort beginnt für mich Malerei. Nicht im Wiedererkennen, sondern in dem Augenblick, in dem das Bekannte fremd wird und das Fremde plötzlich etwas Eigenes erzählt.
Links erhebt sich eine graue Fläche wie eine Mauer der Vernunft. Sie steht unbeweglich neben einer Welt, die sich dem Maßstab verweigert. Dahinter wachsen rote Pflanzen, dunkle Kronen, gelbliche Lichtfelder und rauchfarbene Wolken, als hätte der Garten beschlossen, seine eigene Sprache zu sprechen. Die Farben geraten nicht in Streit. Sie verhandeln miteinander. Sie überlagern sich, verschwinden, tauchen wieder auf und bilden einen Rhythmus, der eher gefühlt als verstanden werden will.
Der kleine blaue Akzent in der Bildmitte wirkt beinahe unscheinbar. Dennoch hält er das Bild zusammen wie ein stiller Gedanke, der sich zwischen Erinnerungen einnistet. Jeder Garten besitzt einen Mittelpunkt. Nicht immer liegt er in der Erde. Manchmal liegt er im Bewusstsein dessen, der ihn betrachtet. Deshalb ist dieser Garten weder vergangen noch gegenwärtig. Er entsteht jedes Mal neu, wenn jemand bereit ist, seine eigenen Fragmente darin wiederzufinden.
Vielleicht sind die roten Formen Blumen. Vielleicht Tiere. Vielleicht bloß Bewegungen der Farbe. Ich lasse diese Frage bewusst offen. Die Wirklichkeit ist selten eindeutig. Warum sollte ein Bild es sein? Kunst beginnt dort, wo die Fantasie den Mut bekommt, die Lücken zu betreten. Was fehlt, ist oft bedeutender als das, was sichtbar geworden ist.
„Fragmente eines Gartens“ ist deshalb keine Einladung, einen bestimmten Ort zu besuchen. Es ist eine Einladung, den eigenen inneren Garten zu betreten. Jenen Garten, in dem Erinnerungen, Träume, Verluste und Hoffnungen nebeneinander wachsen, ohne sich erklären zu müssen. Dort verwandeln sich Bruchstücke in Schönheit, Unvollständigkeit in Freiheit und Farbe in eine Sprache, die älter ist als jedes Wort.