Kalenderblatt
29. Juni

Kalenderblatt 29. Juni

Das Kalenderblatt zum 29. Juni
„Porträt einer roten Sehnsucht vor der Auflösung der Wirklichkeit“
„Portrait of a Crimson Longing Before Reality Dissolves“
„Retrato de una nostalgia roja antes de que la realidad se disuelva“

Aquarell, Tonpapier und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Niemand wusste, wann das rote Rechteck zum ersten Mal am Strand erschien. Es war einfach da. Nicht wie ein Gegenstand, der irgendwoher gebracht worden war, sondern eher wie ein Gedanke, der beschlossen hatte, sichtbar zu werden.

Hinter ihm lag das Meer. Darüber der Himmel. Dazwischen eine ferne Insel, die aussah, als würde sie sich bereits langsam aus der Welt verabschieden. Die Konturen wurden weicher, die Farben verloren ihre Gewissheit. Alles schien sich aufzulösen, als hätte die Wirklichkeit beschlossen, ihren festen Zustand aufzugeben und wieder Traum zu werden.

Nur das Rot blieb.

Es stand aufrecht im Sand wie eine Behauptung. Wie ein Herzschlag. Wie eine Erinnerung an etwas, das noch nicht geschehen war.

Die Menschen, die vorbeikamen, versuchten ihm einen Namen zu geben. Einige hielten es für eine Tür. Andere für ein Warnzeichen. Wieder andere für einen Fehler im Gewebe der Welt. Denn Menschen benennen gern Dinge, die sie nicht verstehen. Es beruhigt sie. Für ungefähr sieben Minuten.

Doch das rote Rechteck schwieg.

Jeden Abend, wenn das Licht flacher wurde und Meer und Himmel miteinander verschmolzen, begann es leise zu leuchten. Nicht nach außen, sondern nach innen. Als würde in seinem Zentrum eine Sehnsucht wohnen, die älter war als jede Erinnerung.

Es sehnte sich nicht nach einem Ort.

Es sehnte sich nach Ganzheit.

Nach jener verlorenen Einheit, die irgendwo hinter den Formen verborgen liegt. Hinter den Namen. Hinter den Geschichten, die Menschen über sich selbst erzählen.

Und je mehr die Landschaft verblasste, je unschärfer die Insel wurde und je durchlässiger Himmel und Wasser ineinanderflossen, desto deutlicher trat dieses Rot hervor.

Denn Sehnsucht braucht keine feste Welt.

Sie braucht nur einen offenen Horizont.

So blieb das rote Rechteck stehen, während die Wirklichkeit um es herum langsam transparent wurde. Nicht als Fremdkörper, sondern als letzter Zeuge einer Wahrheit, die sich nicht auflösen ließ:

Dass im Menschen etwas lebt, das größer ist als alle Tatsachen. Etwas, das selbst dann noch nach dem Unendlichen ruft, wenn die Welt längst begonnen hat zu verschwinden.

Und vielleicht ist genau das sein Porträt.

Nicht die Form.

Nicht die Farbe.

Sondern die stille, unermüdliche Sehnsucht nach dem, was jenseits aller Wirklichkeiten auf uns wartet.

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