
Kalenderblatt vom 10. Juni
“Lost in Nepal”
Acryl, Quarzsand, Acrylpaste, Glitter auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
Es begann an einem Abend, als die Berge Nepals ihre Konturen verloren und Himmel und Erde ineinanderflossen wie Farben auf einer noch feuchten Leinwand. Ein Wanderer, dessen Name längst vom Wind vergessen worden war, stieg einen schmalen Pfad hinauf, der sich zwischen uralten Steinen und verwitterten Gebetsmauern hindurchwand. Er war nicht auf der Suche nach einem Ort. Er war auf der Suche nach etwas, das er nicht benennen konnte.
Der Tag war vergangen, und ein tiefes Blau legte sich über die Welt. Über ihm glitzerten bereits die ersten Sterne, während aus den Tälern das ferne Läuten von Tempelglocken heraufklang. Der Wanderer folgte diesem Klang, doch je weiter er ging, desto mehr schien sich die Landschaft zu verwandeln. Die vertrauten Wege lösten sich auf, die Berge wurden zu Schatten und die Schatten zu Träumen.
Schließlich erreichte er eine Lichtung. Dort stand kein Tempel, keine Hütte und kein Mensch. Stattdessen schwebte mitten in der Dunkelheit eine geheimnisvolle Gestalt aus goldenem Licht. Sie war weder Baum noch Wolke, weder Mensch noch Gott. Ihr Leuchten pulsierte wie ein Herzschlag und war zugleich sanft und kraftvoll.
Der Wanderer trat näher. In ihrem Zentrum erkannte er einen funkelnden Kern, als hätte jemand einen Stern eingefangen und in die Erde gepflanzt. Um diesen Kern herum tanzten unzählige Farben, Gold, Grün, Silber und Rot. Sie bewegten sich wie Erinnerungen, die lebendig geworden waren.
„Bist du verloren?“, fragte die Gestalt mit einer Stimme, die wie Wind durch Gebetsfahnen klang.
„Ja“, antwortete der Wanderer. „Ich habe meinen Weg verloren.“
Da begann die Gestalt zu lachen, leise und freundlich.
„Nein“, sagte sie. „Du hast nur die Karte verloren. Der Weg war die ganze Zeit in dir.“
In diesem Augenblick öffnete sich vor seinen Augen ein unsichtbares Tor. Er sah alle Orte seines Lebens, alle Entscheidungen, alle Hoffnungen und Enttäuschungen. Er sah, wie jede Begegnung, jede Freude und jeder Schmerz ihn genau hierhergeführt hatten. Nicht zufällig, sondern mit einer geheimen Ordnung, die erst sichtbar wurde, wenn man aufhörte, nach ihr zu suchen.
Der Wanderer kniete nieder. Zum ersten Mal spürte er nicht die Unsicherheit des Verirrten, sondern die Freiheit des Suchenden. Die Dunkelheit um ihn herum wirkte nicht länger bedrohlich. Sie war ein Raum voller Möglichkeiten.
Als die Nacht tiefer wurde, begann die leuchtende Gestalt langsam zu verblassen. Doch bevor sie verschwand, schenkte sie ihm einen letzten Satz:
„Wer in Nepal verloren geht, findet manchmal nicht den Weg zurück, sondern den Weg zu sich selbst.“
Am nächsten Morgen erwachte der Wanderer am Rand eines kleinen Dorfes. Die Sonne stieg über die Himalayagipfel, Kinder lachten auf den Wegen, und Gebetsfahnen flatterten im Morgenwind. Niemand konnte ihm sagen, wo die Lichtung lag oder wie er dorthin gekommen war.
Doch das spielte keine Rolle mehr.
Denn obwohl er den Ort verloren hatte, trug er nun das Licht in seinem Herzen. Und überall, wohin ihn seine Schritte von da an führten, erinnerte ihn ein leiser goldener Schimmer daran, dass manche Wege erst sichtbar werden, wenn man bereit ist, sich zu verirren. Und manche Reisen enden genau dort, wo die eigentliche Suche beginnt.