
Das Kalenderblatt zum 09. Juni
“Im Strom der werdenden Horizonte”
“In the Current of Emerging Horizons”
“En la corriente de los horizontes nacientes”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
Es heißt, dass es zwischen den Welten einen Ort gibt, den kein Mensch auf einer Landkarte finden kann. Die Alten nannten ihn den Strom der werdenden Horizonte. Dort endet nichts und beginnt nichts wirklich, alles befindet sich im Zustand des Werdens. Farben fließen ineinander, Zeiten vermischen sich, und jeder Gedanke kann zu einer Landschaft werden.
Eines Tages erreichte der Wanderer Lumaro diesen geheimnisvollen Ort. Er war viele Jahre unterwegs gewesen, auf der Suche nach dem Horizont, hinter dem sich die Antworten auf seine Fragen verbergen sollten. Doch je weiter er reiste, desto mehr Horizonte erschienen vor ihm. Als er glaubte, sich verlaufen zu haben, öffnete sich vor seinen Augen ein leuchtender Strom aus Gold, Blau und glühendem Orange.
Über ihm schwebte eine dunkle Wolkeninsel, die aussah wie ein vergessenes Fragment der Nacht. Unter ihm bewegten sich die Wasser des Stromes langsam und lautlos. Sie bestanden nicht aus Wasser, sondern aus ungelebten Möglichkeiten, ungeborenen Träumen und noch nicht getroffenen Entscheidungen.
Lumaro trat an das Ufer und blickte hinein. Sofort sah er Bilder seines Lebens. Er sah Wege, die er nie gegangen war, Worte, die er nie ausgesprochen hatte, und Türen, die er einst aus Angst verschlossen hatte. Doch statt Bedauern zu empfinden, bemerkte er etwas anderes: Jede dieser Möglichkeiten war noch immer lebendig. Nichts war verloren. Alles wartete.
Da erschien aus dem goldenen Licht eine Gestalt. Sie hatte kein Gesicht und keine feste Form. Mal schien sie aus Wolken zu bestehen, dann wieder aus flüssigem Feuer. Ihre Stimme klang wie Wind über einer weiten Ebene.
„Warum suchst du den letzten Horizont?“
Lumaro antwortete: „Weil ich endlich ankommen möchte.“
Die Gestalt lächelte. „Wer ankommen will, hat vergessen, dass das Leben selbst eine Reise des Werdens ist. Horizonte sind keine Grenzen. Sie sind Einladungen.“
Mit diesen Worten berührte sie die Oberfläche des Stromes. Sofort begannen die Farben zu tanzen. Das tiefe Blau verwandelte sich in Ozeane neuer Erfahrungen. Das Gold wurde zu Wegen voller Erkenntnis. Das Orange entfachte den Mut, den nächsten Schritt zu wagen.
Lumaro erkannte plötzlich, dass jeder Horizont, den er erreicht hatte, nicht das Ende eines Weges gewesen war, sondern die Geburt eines neuen. Die Zukunft war kein fernes Ziel. Sie entstand genau in diesem Augenblick, aus seinen Entscheidungen, seinen Träumen und seinem Vertrauen.
Als die Sonne des Zwischenreichs langsam hinter einem neuen Horizont versank, trat Lumaro in den leuchtenden Strom. Das Wasser der Möglichkeiten umspülte ihn, und er spürte, wie sich alte Ängste auflösten. Dort, mitten zwischen Vergangenheit und Zukunft, verstand er das Geheimnis des Lebens:
Nicht die erreichten Horizonte formen den Menschen, sondern die Bereitschaft, immer wieder neue entstehen zu lassen.
Und so wanderte Lumaro weiter. Nicht mehr auf der Suche nach dem Ende seiner Reise, sondern voller Freude darüber, dass vor ihm immer neue Horizonte geboren wurden, leuchtend, geheimnisvoll und voller Möglichkeiten. Seitdem erzählt der Strom jedem, der bereit ist zuzuhören, dieselbe Botschaft:
Das Leben ist kein Weg zu einem Horizont. Es ist der Strom, aus dem die Horizonte entstehen.