
Kalenderblatt vom 2. Juni
“Die Angst vor der Diagnose”
“The fear of the diagnosis”
“El miedo a la diagnosis”
Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
Es war einmal ein Wanderer namens Arion, der viele Jahre durch die Landschaften seines Lebens gezogen war. Er hatte Berge der Hoffnung überquert, Täler der Enttäuschung durchschritten und Flüsse voller Erinnerungen hinter sich gelassen. Doch eines Tages stand er vor einem Tor, das er niemals hatte sehen wollen.
Das Tor war seltsam. Es bestand nicht aus Stein oder Holz, sondern aus gelbem Licht und schwarzen Schatten. Darüber spannte sich ein gewaltiger roter Bogen, als hätte jemand einen glühenden Streifen aus Feuer über die Welt gelegt. Hinter dem Tor lag das Land der Antworten.
Arion hatte gehört, dass jeder Mensch früher oder später an dieses Tor gelangte. Manche jung, manche alt. Manche voller Mut, andere voller Furcht. Und immer wartete dahinter eine Botschaft, die niemand vorher kannte.
Je näher er kam, desto schwerer wurden seine Schritte. Die Schatten am Rand des Weges begannen zu flüstern.
„Was, wenn die Nachricht schlimm ist?“
„Was, wenn dein Leben nie wieder dasselbe sein wird?“
„Was, wenn alles zerbricht?“
Die Stimmen wurden lauter und lauter, bis sie wie ein Schwarm schwarzer Vögel um seinen Kopf kreisten. Der rote Bogen über ihm schien sich zu verdunkeln. Sein Herz schlug schneller.
Da bemerkte Arion eine alte Frau, die am Wegesrand saß. Sie trug ein Gewand aus Goldfäden und hielt eine kleine Laterne in der Hand.
„Warum fürchtest du dich?“, fragte sie.
„Weil ich die Antwort nicht kenne“, sagte Arion.
Die Frau lächelte.
„Nein“, erwiderte sie sanft. „Du fürchtest nicht die Antwort. Du fürchtest die Geschichten, die du dir über die Antwort erzählst.“
Arion schwieg.
Die Frau erhob die Laterne. Ihr Licht fiel auf den roten Bogen. Nun erkannte er etwas Erstaunliches: Der Bogen war keine Mauer. Er war eine Brücke.
„Die Angst“, sagte die Alte, „ist oft nur die Brücke zwischen dem Nichtwissen und dem Wissen. Von weitem sieht sie aus wie Feuer. Doch wenn du sie betrittst, besteht sie nur aus einem einzigen Schritt nach dem anderen.“
Arion blickte erneut auf das Tor. Die Schatten waren noch da. Doch sie wirkten kleiner.
Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Als er die Brücke betrat, bebte sie nicht. Sie verbrannte ihn nicht. Sie trug ihn.
Mit jedem Schritt verlor eine der dunklen Stimmen ihre Macht.
„Was, wenn alles vorbei ist?“
Der Wind nahm die Stimme mit.
„Was, wenn du es nicht schaffst?“
Sie löste sich auf wie Nebel.
„Was, wenn die Zukunft dunkel wird?“
Auch sie verschwand.
Als Arion schließlich das Tor erreichte, öffnete es sich lautlos. Dahinter fand er nicht das Ende seines Weges, sondern den Anfang eines neuen Abschnitts.
Die Antwort, die auf ihn wartete, war weder Freund noch Feind. Sie war einfach Wahrheit.
Und plötzlich verstand er etwas, das viele Menschen erst sehr spät begreifen:
Die Angst vor der Diagnose ist oft größer als die Diagnose selbst. Denn die Angst lebt von den Schatten des Unbekannten, während die Wahrheit, selbst wenn sie schwer ist, immer Licht in sich trägt.
So ging Arion weiter. Nicht ohne Sorge. Nicht ohne Zweifel. Aber mit einem Herzen, das wusste, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben.
Mut bedeutet, trotz der Angst die Brücke zu betreten.