Kalenderblatt
26. Mai

Fly, fly away my love

Kalenderblatt zum 26. Mai
“‘Fly, fly away my love”

Aquarell, Pastell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm

Am Rand einer stillen Küste, dort, wo das Meer den Himmel kaum noch von sich trennen konnte, lebte einst ein alter Fischer, der jeden Morgen denselben Horizont betrachtete. Er sagte, dass es zwei Arten von Abschieden gebe: jene, die mit Tränen schwer auf der Erde liegen, und jene, die leicht genug seien, um vom Wind getragen zu werden.

Eines Tages fand ein kleines Mädchen am Strand einen roten Ballon. Er war nicht einfach nur rot, er glühte wie ein lebendiges Herz, das sich gegen die bleiche Weite des Himmels behauptete. An seiner dünnen Schnur hing ein Knoten, als hätte jemand ihn einst festhalten wollen, aus Angst, etwas Wertvolles zu verlieren. Doch niemand war mehr da. Nur das Meer atmete ruhig, und die alten Pfähle im Wasser standen wie stumme Wächter vergangener Geschichten.

Das Mädchen nahm den Ballon in die Hand und spürte, dass er nicht schwer war und doch trug er eine seltsame Last. Es war, als wären darin Worte eingeschlossen, die nie ausgesprochen wurden. Vielleicht ein letztes „Bleib“, vielleicht ein leises „Vergiss mich nicht“, vielleicht ein unausgesprochenes „Ich liebe dich“.

Jeden Tag kam sie an diesen Strand zurück. Sie setzte sich in den warmen Sand, betrachtete die Spuren der Gezeiten und hielt den Ballon fest, während der Wind an seiner Schnur zog. Er wollte fort. Höher. Weiter. Frei.

Mit der Zeit begriff sie, dass manche Dinge nicht dafür gemacht sind, für immer in einer Hand zu bleiben.

An einem Abend, als der Himmel sich in zartes Blau und fahles Violett legte und das Meer aussah wie ein ruhiger Spiegel der Erinnerung, öffnete sie langsam ihre Finger.

Der rote Ballon stieg auf.

Er zitterte kurz, als würde er sich noch einmal umsehen. Dann hob er sich höher und höher, bis er über Wasser und Wolken schwebte. Unter ihm blieben Strand, Pfähle und die stillen Linien der Erde zurück. Vor ihm lag nur die offene Weite.

Das Mädchen flüsterte: „Fly, fly away my love.“

Sie sprach nicht zu einem Menschen. Nicht zu einer verlorenen Liebe. Nicht zu einem Traum allein. Sie sprach zu allem, was einst festgehalten werden musste  und nun gehen durfte.

Der Ballon wurde kleiner. Ein roter Punkt. Dann fast nur noch Erinnerung.

Doch seltsamerweise fühlte sich der Verlust nicht leer an.

Denn manchmal ist Liebe nicht das Festhalten.

Manchmal ist Liebe das Loslassen mit offenem Herzen.

Und jedes Mal, wenn der Wind später über diesen stillen Strand zog und das Meer die Farbe des Himmels annahm, glaubte man weit oben einen roten Punkt durch die Wolken treiben zu sehen, als hätte eine alte Sehnsucht endlich gelernt, frei zu sein. Nicht verschwunden. Nur weitergereist.

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