Kalenderblatt
21. Mai

Bewölkt

Das Kalenderblatt zum 21. Mai
“Bewölkt”
“Cloudy”
“Nublado”

Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm

„Bewölkt“ war der Name, den der alte Kartograf dem Bild gab, obwohl jeder im Dorf wusste, dass es in Wahrheit keine Landschaft zeigte, sondern einen Zustand der Welt. Seit Jahren hing das kleine Werk in einer schmalen Holzhütte am Rand eines großen, stillen Wassers. Niemand wusste genau, wer es gemalt hatte. Manche behaupteten, es sei in einer Nacht entstanden, in der der Himmel über der Küste gleichzeitig blau, golden und blutrot gewesen sei. Andere sagten, das Bild hätte sich selbst erschaffen, aus den Resten eines Gewitters, aus Staub, Licht und Erinnerungen.

Eines Morgens machte sich ein junger Wanderer auf den Weg zu jener Hütte. Er hatte von einem Ort gehört, an dem Menschen Antworten fanden, ohne Fragen stellen zu müssen. Als er eintrat, roch der Raum nach feuchtem Holz, nach Farbe und nach etwas Uraltem, das sich nicht benennen ließ. Das Bild hing allein an der Wand. Eine wilde Fläche aus Blau und Gold, durchzogen von Spuren, Kratzern und Linien, als hätte der Himmel selbst versucht, seine Gedanken aufzuschreiben. Darüber schwebte dieser große rote Kreis, schwer, glühend, beinahe bedrohlich. Und darunter lag ein schmaler grüner Horizont, wie die letzte Erinnerung an eine Welt, die einmal geordnet gewesen war.

Der Wanderer trat näher heran. Je länger er blickte, desto mehr begann sich das Bild zu verändern. Die blauen Flächen wurden zu ziehenden Wolkenmassen. Das Gold begann zu leuchten wie verborgenes Sonnenlicht hinter einem Sturm. Der rote Kreis pulsierte wie ein ferner Planet oder wie ein Herz, das zu lange geschwiegen hatte. Und plötzlich hörte er etwas. Kein Geräusch im eigentlichen Sinn, eher ein inneres Echo. Das Bild sprach nicht mit Worten. Es sprach mit Atmosphäre.

Er sah eine Landschaft vor sich, über der tagelang dunkle Wolken gehangen hatten. Die Menschen dort hatten vergessen, wie Licht aussah. Sie liefen mit gesenktem Blick durch ihre Tage, als würden sie sich vor dem Himmel entschuldigen. Doch eines Abends erschien am Horizont dieser rote Körper, nicht Sonne, nicht Mond, sondern etwas dazwischen. Die Alten nannten ihn den „Zeugen“. Denn immer dann, wenn die Welt zu schwer wurde, erschien er über den Wolken, um die Menschen daran zu erinnern, dass selbst Dunkelheit Farbe in sich trägt.

Der Wanderer verstand langsam: „Bewölkt“ bedeutete nicht Hoffnungslosigkeit. Es bedeutete Übergang. Die Wolken in diesem Bild waren keine Mauern. Sie waren Bewegung. Das Blau war nicht kalt, sondern tief. Das Gold war kein Schmuck, sondern verborgenes Leben. Und der rote Kreis war kein Untergang, sondern Erinnerung  an Mut, an Glut, an das Feuer im Inneren des Menschen.

Als der Wanderer die Hütte wieder verließ, hatte sich draußen nichts verändert. Der Himmel war grau geblieben. Der Wind war kühl. Doch in ihm selbst war etwas anders geworden. Zum ersten Mal seit langer Zeit blickte er nach oben. Nicht, um besseres Wetter zu suchen, sondern weil er begriffen hatte, dass selbst ein bewölkter Himmel voller Zeichen sein kann.

Und manchmal, so erzählte man später im Dorf, konnte man in den Wolken einen roten Kreis erkennen, der über den Dächern schwebte, still, wachend und voller unausgesprochener Geschichten.

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