
Das Kalenderblatt zum 14. Mai
“EUromaTic”
auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
„EUromaTic“ wirkt wie ein Bild aus einer Zeit zwischen Verheißung und Zerfall, zwischen technischer Euphorie und innerer Erschöpfung. Schon der Titel entfaltet ein raffiniertes Spannungsfeld: „EU“ ruft unweigerlich Assoziationen an Europa hervor, an politische Systeme, Bürokratien, Währungsräume, offene Grenzen, aber auch an die Sehnsucht nach Einheit und Frieden. Gleichzeitig steckt im Wort „automatic“, aus dem sich „romaTic“ wie ein poetischer Fremdkörper herauslöst, die Idee eines mechanisierten Lebensgefühls. Das Romantische wird zur Maschine. Oder die Maschine beginnt plötzlich, Gefühle zu entwickeln. Genau in dieser Ambivalenz liegt die enorme Kraft dieses Werkes.
Die Bildfläche glüht in intensiven Orange-, Gold- und Rottönen. Diese Farben erinnern an geschmolzenes Metall, an untergehende Sonnen über urbanen Landschaften, aber ebenso an sakrale Goldgründe mittelalterlicher Ikonen. Das verwendete Goldbronzepigment erzeugt dabei nicht bloß dekorativen Glanz, sondern evoziert eine kulturelle Tiefenschicht: Gold war über Jahrtausende Symbol von Macht, Religion, Kapital und Verführung. In „EUromaTic“ scheint dieses Gold jedoch nicht ruhig und erhaben zu wirken, sondern in Bewegung geraten zu sein, als würde die Oberfläche selbst unter Spannung stehen. Europa erscheint hier nicht als fertige Idee, sondern als vibrierender Prozess.
Die schwarzen, kalligrafischen Linien durchziehen das Bild wie nervöse Signaturen einer zerrissenen Gegenwart. Sie erinnern an asiatische Tuschezeichnungen, an spontane Gesten des Informel oder an verschlüsselte Schriftzeichen einer untergehenden Zivilisation. Gleichzeitig besitzen sie etwas Pflanzliches, fast Bambusartiges, wodurch das Bild einen organischen Gegenpol zur technokratischen Anmutung des Titels erhält. Hier kollidieren Natur und Konstruktion, Seele und System, Intuition und Mechanismus.
Interessant ist auch, wie stark das Werk an die Ästhetik europäischer Metropolen erinnert: das Flackern von Neonlicht, Verkehr, digitale Reizüberflutung, politische Spannungen, Konsum und kulturelle Überlagerung. Doch statt diese Themen illustrativ darzustellen, transformiert das Bild sie in reine Energie. Dadurch entsteht eine fast musikalische Dynamik, wie eine improvisierte Jazzkomposition aus Farbe und Bewegung. Man könnte an die rastlose Geschwindigkeit moderner Städte denken, an Flughäfen, Börsenkurse, Datenströme oder Medienbilder, die sich sekündlich überschlagen. Und dennoch bleibt mitten in dieser Beschleunigung etwas zutiefst Menschliches sichtbar: ein Rest von Sehnsucht, von Verletzlichkeit, von innerem Feuer.
Die pastosen Strukturen der Acrylpaste verleihen dem Werk zusätzlich eine körperliche Präsenz. Die Oberfläche wird reliefartig, beinahe archäologisch. Es wirkt, als hätte das Bild Schichten von Geschichte gespeichert, wie Mauern europäischer Städte, auf denen sich Jahrhunderte von Kultur, Konflikten und Visionen abgelagert haben. Gerade dadurch bekommt „EUromaTic“ eine politische Dimension, ohne platt politisch zu werden. Das Werk fragt nicht nach konkreten Antworten. Es fragt nach dem Zustand einer Zivilisation.
Vielleicht ist „EUromaTic“ letztlich ein Spiegel unserer Zeit: eine Welt aus Gold und Nervosität, aus Schönheit und Überforderung, aus kulturellem Gedächtnis und automatisierter Gegenwart. Das Bild oszilliert zwischen Faszination und Warnung. Es zieht den Betrachter hinein in ein glühendes Spannungsfeld, in dem Europa nicht als geografischer Raum erscheint, sondern als emotionaler Zustand, fragil, aufgeladen und voller widersprüchlicher Energie.
Gerade darin liegt die große Qualität dieses Werkes: Es erklärt nichts. Es öffnet Räume. Und je länger man schaut, desto deutlicher spürt man, dass hinter der expressiven Oberfläche eine stille Frage lodert: Was bleibt vom Menschlichen, wenn die Welt beginnt, sich selbst automatisch zu steuern?