
Das Kalenderblatt zum 27. April
“Enthoben aus dem Wirrwarr”
“Raised Out of the Chaos”
“Surgido del Caos”
Acryl und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 21 x 15 cm
„Enthoben aus dem Wirrwarr“ ist ein Bild über jenen seltenen Augenblick, in dem sich das Bewusstsein nicht länger von der Unübersichtlichkeit des Lebens verschlingen lässt, sondern sich wie ein innerer Kern aus der Verstrickung erhebt. Was zunächst wie ein tobendes Geflecht aus Farben, Spuren, Brüchen und Überlagerungen erscheint, ist nichts anderes als die visuelle Sprache unseres Alltags: Gedankenfetzen, Erinnerungsreste, ungelöste Konflikte, äußere Anforderungen, emotionale Sedimente, ein permanentes Durcheinander, in dem Richtung und Ruhe oft verloren gehen. Genau dieses chaotische Grundrauschen menschlicher Existenz wird hier nicht geglättet, sondern mit voller Kraft sichtbar gemacht.
Und doch geschieht im linken oberen Zentrum etwas Entscheidendes: Aus dem Farbsturm heraus leuchtet eine kreisförmige, nahezu kosmische Verdichtung, eine glühende geistige Mitte, eingefasst von einem dunkleren Ring, als hätte sich aus dem Ungeordneten plötzlich ein Brennpunkt des Wesentlichen gebildet. Dieser Kreis wirkt wie eine Sonne, aber nicht die äußere Sonne des Himmels, sondern die innere Sonne des Erkennens. Er ist das Symbol einer Instanz, die vom Wirrwarr nicht mehr beherrscht wird. Während ringsum Zersplitterung, Materialkampf und tektonische Verschiebung herrschen, ruht in dieser Form eine konzentrierte Gegenmacht: Sammlung, Präsenz, Klarheit. Das Bild erzählt damit von der Möglichkeit, dass mitten im Lärm der Welt ein unverlierbarer geistiger Mittelpunkt existiert.
Die diagonalen Bewegungen, die sich wie Gerölllawinen, zerrissene Landschaften oder stürzende Gedankenbahnen durch die Fläche ziehen, verstärken das Gefühl eines umfassenden Strudels. Nichts scheint hier stabil, nichts endgültig geordnet. Alles befindet sich im Übergang, im Abrutschen, im Übereinanderstürzen. Gerade dadurch wird die leuchtende Sphäre umso bedeutender: Sie ist nicht am Rand des Geschehens, sondern sie erhebt sich aus eben diesem Geschehen heraus. Sie ist keine Flucht vor dem Chaos, sondern eine Geburt aus dem Chaos. Das ist die eigentliche Kraft dieses Werkes: Es behauptet, dass Orientierung nicht dann entsteht, wenn die Umstände friedlich sind, sondern dann, wenn im Innersten eine andere Ebene betreten wird.
„Enthoben aus dem Wirrwarr“ formuliert somit eine zutiefst menschliche und zugleich spirituelle Erfahrung: den Moment, in dem man sich selbst nicht mehr mit den Trümmern der Verhältnisse verwechselt. Das Wirrwarr bleibt sichtbar, es bleibt real, es bleibt materiell, aber darüber erhebt sich etwas, das nicht mehr hinein gezogen werden kann. Ein Zustand innerer Souveränität. Ein Aufsteigen des Wesentlichen. Ein leuchtendes Ja des Geistes über den Lärm der Zersplitterung. Dieses Bild ist deshalb keine Darstellung von Unordnung, sondern ein Triumphbild der Bewusstwerdung: Aus allem Durcheinander kann ein Zentrum geboren werden, das trägt.