
Das Kalenderblatt zum 14. Mai
“Hornveilchen”
“Viola cornuta”
Aquarell, Pastell und Acrylpaste auf Aquarellbütten ca 15 x 21 cm
„Hornveilchen“ ist eine Begegnung mit einer zarten, aber unbeirrbaren Form von Lebenskraft. Die beiden Blüten stehen nicht dekorativ im Raum, sie wirken wie kleine Wesen, die sich aus dem Erdreich heraus dem Licht entgegenstrecken, verletzlich und zugleich voller innerer Würde. Gerade diese Spannung macht die Arbeit so eindringlich. Das Auge wird zuerst von den warmen Gelb- und Violetttönen angezogen, doch je länger man schaut, desto deutlicher entfaltet sich eine Atmosphäre von Stille, Beharrlichkeit und leiser Schönheit.
Die grobe Struktur des Aquarellbüttens und die spürbare Präsenz der Acrylpaste verleihen dem Bild eine beinahe haptische Körperlichkeit. Nichts wirkt glatt oder gefällig. Stattdessen entsteht der Eindruck, als würden die Blüten direkt aus einer erinnernden Landschaft auftauchen, aus einem Ort zwischen Traum, Garten und innerem Erleben. Die Pastelltöne im Hintergrund öffnen einen luftigen, fast himmlischen Raum, während die dunkleren, erdigen Partien darunter wie ein schützender Boden wirken. Dadurch entsteht ein poetischer Kontrast zwischen Verwurzelung und Aufstieg, zwischen Erde und Licht.
Besonders faszinierend ist die Ausdruckskraft der beiden Hornveilchen selbst. Ihre Formen erinnern beinahe an kleine Gesichter oder Masken, empfindsame Wesenheiten mit einer stillen Seele. Die feinen Linien im Inneren der Blütenblätter wirken wie Lebensadern oder energetische Bahnen, als würde das Bild sichtbar machen, dass selbst in der kleinsten Blüte ein verborgenes Universum pulsiert. Gerade darin liegt die emotionale Stärke dieser Arbeit: Sie erzählt von Dingen, die im Alltag oft übersehen werden, von den unscheinbaren Erscheinungen, die dennoch eine tiefe Wahrheit in sich tragen.
Das Hornveilchen gilt traditionell als Symbol für Bescheidenheit, Treue und stille Liebe. Doch hier wird daraus mehr als reine Symbolik. Die Blüten wirken wie Botschafter einer inneren Haltung: sanft bleiben in einer lauten Welt, empfindsam bleiben trotz aller Härte, Schönheit bewahren trotz Vergänglichkeit. Die Komposition vermittelt keine dramatische Geste, sondern eine Form von ruhiger Präsenz. Genau dadurch entsteht ihre Kraft. Das Bild flüstert, statt zu schreien und gerade deshalb bleibt es im Gedächtnis.
Die Kombination aus Aquarell, Pastell und Acrylpaste erzeugt eine vibrierende Oberfläche voller Nuancen. Transparente Farbflächen treffen auf strukturierte Verdichtungen, weiche Übergänge auf markante Akzente. Dadurch entsteht ein Eindruck von Bewegung, als würde Wind durch die Szene ziehen oder als würden die Blüten im nächsten Augenblick leicht zu schwingen beginnen. Das Bild lebt nicht von Perfektion, sondern von Atmosphäre. Es bewahrt den kostbaren Moment zwischen Werden und Vergehen, zwischen Aufblühen und Erinnerung.
So wird „Hornveilchen“ letztlich zu einer stillen Meditation über das Wesen der Schönheit selbst. Nicht die große Geste steht im Mittelpunkt, sondern die Fähigkeit, das Kleine wahrzunehmen. Die Arbeit erinnert daran, dass wahre Intensität oft dort entsteht, wo Sanftheit und Tiefe einander berühren. Ein leises Bild und gerade deshalb ein starkes.