
Kalenderblatt vom 15. August
„Sie wollen unsere Stimme und dann nur unser Bestes: Unser Hab und Gut“
„They want our vote and then only our best: our belongings“
„Ellos quieren nuestros votos y entonces solamente nuestro mejor: nuestros haberes“
Aquarell auf Bambuspapier ca. 21 x 15 cm
Man muss den Menschen nicht schöner malen, als er ist. Schon gar nicht den Menschen der Macht. Wer Macht besitzt oder nach ihr greift, entwickelt mitunter erstaunliche Gesichtszüge. Das freundliche Lächeln wird breiter, die Zähne sichtbarer und die Ohren wachsen offenbar mit der Fähigkeit, genau das zu hören, was zur eigenen Karriere nützlich ist.
Diese Figur sitzt da wie einer, der sagt: „Vertrau mir!“
Und genau in diesem Augenblick sollte man vermutlich beginnen, seine Taschen zu kontrollieren.
Das Gesicht ist keine Darstellung eines bestimmten Menschen. Es ist eine Fratze der politischen Verführung. Die spitzen Ohren, die zusammengezogenen Augen, das beinahe teuflische Grinsen: Hier wird nicht porträtiert, hier wird entlarvt.
Denn Politik liebt die Verwandlung. Vor der Wahl heißt der Bürger „Souverän“, danach heißt er wieder „Steuerzahler“.
Der Titel des Bildes bringt diese kleine Metamorphose auf den Punkt:
Sie wollen zunächst unsere Stimme.
Sie bitten darum, werben darum, versprechen dafür eine bessere Zukunft.
Und haben sie die Stimme erst bekommen, interessieren sie sich plötzlich für unser Bestes.
Unser Geld.
Unser Eigentum.
Unsere Anpassung.
Vielleicht sogar unser Schweigen.
Besonders schön ist dabei der Gegensatz zwischen der fast heiteren Leichtigkeit des Aquarells und der Boshaftigkeit der Figur. Der Hintergrund wirkt freundlich, beinahe unschuldig. Kein düsterer Regierungspalast, kein bedrohlicher Himmel. Das Böse kommt hier nicht mit Donner und Kanonen.
Es sitzt hinter einem Pult und lächelt.
Gerade deshalb funktioniert die groteske Überzeichnung. Der Mensch wird zur Maske, die Maske zur Karikatur und die Karikatur schließlich zur politischen Aussage. Das Hässliche liegt dabei nicht im Gesicht. Es liegt in dem, was dieses Gesicht verkörpert.
Das Bild fragt deshalb weniger:
„Wer ist dieser Mann?“
Es fragt vielmehr:
„Warum kommt uns dieser Mann so verdammt bekannt vor?“
Statement frei formuliert in Anlehnung an die gesellschaftskritische und satirische Haltung von George Grosz; kein Originaltext oder Zitat des Künstlers.