
Kalenderblatt vom 18. April
“Dogmatisches Zölibat stärkt das Ego”
“Dogmatic celibacy makes the Ego firm”
“El celibato dogmático fortifica el ego”
Acryl, Acrylpaste auf Aquarellbütten ca. 21 x 15 cm
Es war eine Zeit, in der die Mauern höher waren als die Gedanken, und die Gedanken schärfer als jedes Schwert. In einem abgelegenen Kloster, verborgen zwischen grauen Hügeln und schweigenden Wäldern, lebte Bruder Elian, ein Mann, der sich dem Gelübde der Reinheit verschrieben hatte, nicht aus Liebe zur Stille, sondern aus Angst vor dem Leben.
Die Tage im Kloster waren durchzogen von Ritualen, von Wiederholungen, von einem Rhythmus, der Sicherheit versprach und Wahrheit verhinderte. Die Wände trugen Spuren vergangener Hände, eingeritzt, verwischt, übermalt. Als hätten Generationen von Mönchen versucht, etwas auszudrücken, das nie ausgesprochen werden durfte.
Eines Tages entdeckte Elian eine Wand im hinteren Teil des Klosters. Sie war anders. Unruhig. Aufgebrochen. Lebendig. Das Blau schien nicht Farbe zu sein, sondern ein Zustand, kalt, tief, fast erstickend. Und mitten darin: ein schmaler roter Strich, senkrecht, wie ein Riss in der Ordnung.
Er konnte nicht wegsehen.
„Das ist Versuchung“, flüsterte er sich selbst zu. Doch seine Stimme klang hohl. Denn tief in ihm wusste er: Es war kein Ruf nach Sünde, es war ein Ruf nach Wahrheit.
In den folgenden Nächten kehrte er zurück. Immer wieder. Und jedes Mal schien sich die Wand zu verändern. Die Linien begannen zu sprechen. Ein gelber Strich, schwach, aber bestimmt, zog sich quer durch das Blau. Ein türkisfarbener Hauch darunter, kaum sichtbar, wie ein vergessener Gedanke.
Und dann begriff er.
Das Gelübde, das er abgelegt hatte, war nie ein Tor zur Freiheit gewesen. Es war ein Spiegel. Und in diesem Spiegel sah er nicht die Überwindung des Ego, sondern seine Verfeinerung. Sein Verzicht war kein Loslassen gewesen, sondern ein stiller Stolz. Ein unsichtbarer Thron, auf dem er sich selbst erhöht hatte.
„Ich bin rein“, hatte er geglaubt. Doch was er wirklich meinte war: „Ich bin besser.“
In dieser Nacht brach etwas in ihm.
Er legte die Hand auf die Wand, spürte die raue Oberfläche, die Risse, die Schichten. Und plötzlich fühlte er nicht mehr Trennung, sondern Verbindung. Nicht Verzicht, sondern Sehnsucht. Nicht Stärke, sondern Menschlichkeit.
Am nächsten Morgen war Bruder Elian verschwunden.
Man fand weder Spuren noch Abschiedsworte. Nur die Wand blieb zurück. Und wer genau hinsah, erkannte: Der rote Strich war nicht länger starr. Er wirkte weicher, fast atmend. Und das Blau… es war nicht mehr nur kalt. Es hatte Tiefe bekommen.
Vielleicht war Elian nicht geflohen. Vielleicht hatte er zum ersten Mal begonnen zu leben.